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: Im toten Winkel von Gütersloh

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Ein Blick hinter die Fassade lockt. Gerade beim Familienunternehmen Bertelsmann, dessen Aufstieg vom frommen ostwestfälischen Kleinverlag zum größten Medienkonzern der Welt die Nachkriegsgeschichte prägte. Dieser Erfolg ist das Werk des Verlegers Reinhard Mohn, der den Wirtschaftswunderdeutschen das Lesen (Buchclub) und uns Gegenwärtigen das Fernsehen (RTL) lehrte.

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          Ein Blick hinter die Fassade lockt. Gerade beim Familienunternehmen Bertelsmann, dessen Aufstieg vom frommen ostwestfälischen Kleinverlag zum größten Medienkonzern der Welt die Nachkriegsgeschichte prägte. Dieser Erfolg ist das Werk des Verlegers Reinhard Mohn, der den Wirtschaftswunderdeutschen das Lesen (Buchclub) und uns Gegenwärtigen das Fernsehen (RTL) lehrte. Mohn selbst begleitet diese Geschichte geradezu aufdringlich mit Traktaten über partnerschaftliches und dezentrales Führen und die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens.

          Frank Böckelmann und Hersch Fischler versprechen den Blick hinter die Kulissen: Was "im toten Winkel" der öffentlichen Wahrnehmung liegt, soll zum Licht der Wahrheit geführt werden, tönt Böckelmann. Das Versprechen wird nicht eingelöst. Schlimmer noch: Der Leser blickt leider nur in den "toten Winkel" der Weltanschauung der Autoren. Dort findet sich ziemlich viel Antikapitalismus und Kulturkritik der 70er Jahre. Danach wollen Medienunternehmen die Betreuung "des gesamten Kulturkonsums möglichst vieler Menschen" übernehmen und ihnen "ihre Sicht der Dinge" aufzwingen. Daß Unternehmen Gewinn machen und unrentable Unternehmensteile verkaufen, ist aus Sicht der Autoren nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch ein Verstoß gegen Mohns gutmenschliche Unternehmensphilosophie. Letzteres ist zwar nicht falsch. Aber Böckelmann und Fischler sind (neben ein paar versprengten Güterslohern) die einzigen, die Mohns Traktate unkritisch glauben - um sie anschließend ideologiekritisch zu sezieren.

          Gewiß, viele Fakten und Einschätzungen sind richtig. Doch sie sind nicht neu. Bekannt ist selbst die - unfaßbare - Geschichte, wie es den Mohns gelang, dem Verlag eine Widerstandsgeschichte gegen die Nazis anzudichten (dabei hatte man Feldposthefte für Wehrmacht und Waffen-SS und die Nazi-Autoren Will Vesper und Hans Grimm verlegt), um von den Engländern eine Drucklizenz zu erwerben. Dieser Blick hinter die Kulissen stammt von Hersch Fischler - aus dem Jahr 1998.

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