https://www.faz.net/-gr3-121sd

: Im Rausch der Farben fehlt die Strenge nicht

  • Aktualisiert am

Licht und Dunkel - das sind für uns selbstverständliche, infolge der menschlichen Grundausstattung von jedermann gleich wahrgenommene Zustände. Doch ist das wirklich so? Oder hat die Erfindung der Glühbirne unser Verhältnis zu Hell und Dunkel fundamental verändert? Man stelle sich vor, wie ein Grieche ...

          3 Min.

          Licht und Dunkel - das sind für uns selbstverständliche, infolge der menschlichen Grundausstattung von jedermann gleich wahrgenommene Zustände. Doch ist das wirklich so? Oder hat die Erfindung der Glühbirne unser Verhältnis zu Hell und Dunkel fundamental verändert? Man stelle sich vor, wie ein Grieche oder Römer, gewohnt an das spärliche Licht der Öllampen und vertraut mit den nächtens stockfinsteren Straßen seiner Welt, auf die gleißende Nachtbeleuchtung unserer Städte reagieren würde. Oder wie umgekehrt wir uns fühlen würden, müssten wir in den sparsam befensterten Häusern der Antike leben, wo selbst Festsäle am hellichten Mittag in Halbdunkel getaucht waren.

          Oder vergleichen wir die schwärmerischen Zeilen des Abtes Suger über die verzaubernde Lichtfülle seines neuen gotischen Chores zu St. Denis mit der heutigen Realität. Was der Geistliche als blendende, vielfarbige Helligkeit bewunderte, scheint unseren Augen ein geheimnisvoller Dämmer, den wir genießen, bis der Anblick eines besonders reich geschmückten Kapitells uns wünschen lässt, dass Scheinwerfer oder wenigstens Punktstrahler den kostbaren Zierrat aus dem Dunkel holten.

          Man könne vom neunzehnten Jahrhundert sagen, schreibt Holger Brülls, dass es "die Glasmalerei als bildnerische Technik und monumentale Gattung kunsthistorisch wiederentdeckt und kunstpraktisch wiederbelebt hat". Dass diese Wiederentdeckung im Zeichen der kommenden Elektrifizierung stand, bezeugt ein Besuch beispielsweise des Kölner Doms. Niemandem entgehen dort die gravierenden Unterschiede zwischen den dunkel schimmernden Farben der mittelalterlichen Chorfenster und der Lichtfülle, die im Langhaus durch die farbigen Scheiben des neunzehnten Jahrhunderts strömt. Hier mystisches Halbdunkel, dort romantische Halbhelle. Letztere wiederum wandelte sich nach 1945, als zahllose historische Kirchen wieder aufgebaut oder neue geschaffen werden mussten, zum - auch das sieht man im Kölner Dom - fast blendenden Licht der nüchternen Moderne.

          Von Ausnahmen wie dem magisch glimmenden Kobaltblau in Egon Eiermanns neuer Berliner Gedächtniskirche oder Marc Chagalls gedämpft glühenden Maßwerkfenstern in der gotischen Mainzer Stephanskirche abgesehen, dominierten nach 1945 im alten wie im neuen Bestand lichte Farben - zartes Grau, Gelb, Ocker, überhaupt diskrete Erdfarben. Begleitet wurde diese Lichtfülle von der Vorliebe für Abstraktionen. Die zuvor herrschende Gegenständlichkeit wurde abgelöst von Stilisierungen, wenn man nicht zugunsten reiner, atmosphärisch aufgeladener Abstraktion gänzlich auf gegenständliche Darstellungen verzichtete.

          Eine Wende zu prangender Farbigkeit deutete sich in den achtziger Jahren insbesondere in Köln an, als man dort bei der umfassenden Wiederherstellung der monumentalen romanischen Stadtkirchen Künstler für die Entwürfe der Glasfenster beauftragte. Sie schufen zeitgenössische Interpretationen der mittelalterlichen Farbgebung und -freude, die den Weg ebneten für jene farbsprühenden Glasfenster unserer Tage, wie sie in dem Band vorgestellt werden.

          Entworfen wurden sie von Markus Lüpertz, Johannes Schreiter und Gerhard Richter für St. Andreas in Köln sowie den Kölner und den Mainzer Dom. Holger Brülls kategorisiert die Werke als "Künstlerfenster". Damit stellt er sie in die Tradition des neunzehnten Jahrhunderts, aber auch der klassischen Moderne, in der Künstler wie Braque, Klee oder Chagall Meisterwerke der Glasmalerei schufen. Wie sie sieht Brülls auch die heutigen Künstler als Erneuerer einer stagnierenden, fast schon vergessenen Kunst: Maler, so begründet er seine Formel vom Künstlerfenster der Glaskunst, halten als Neulinge dieses Metiers "ausgeprägte Farbigkeit für das Eigentliche der Glasmalerei und steigern sie gemeinhin zu größter Pracht. Die Kölner Fenster von Lüpertz und Richter sind dafür herrliche Beispiele. Professionelle Glasmaler gehen im Vergleich dazu skrupulöser und subtiler mit der Farbe um, wobei das Subtile auch zur Routine werden kann."

          Die "Erfrischung für die alte Kunst der Glasmalerei", die Brülls den drei Künstlern zuschreibt, erschließt sich schon beim ersten Blättern in diesem Band. Johannes Schreiter, so sieht man, ist zwar der Abstraktion und Diskretion der Wiederaufbaumoderne verhaftet, intensiviert aber deren Farbigkeit, bereichert sie um gewagte Regenbogentöne und durchsetzt seine gegenstandslosen Flächen mit bildhaften, wiedererkennbaren christlichen Symbolen. Markus Lüpertz dagegen holt die Gegenständlichkeit zurück, dies aber mit der ihm eigenen brachialen Kraft der Stilisierung und Expression. Und mit Gerhard Richters lange Zeit umstrittenem Kölner Domfenster tritt in Gestalt von Tausenden geradezu vibrierenden "Farbpixeln" unsere hochtechnologisierte Gegenwart ins Glasbild. Ein disziplinierter Rausch der Farben und Formen vollzieht sich, Fontänen aus buntem Licht sprühen in die Kirchenschiffe - es ist die Auferstehung des Mittelalters in einer sublimierten, ganz vom Heute bestimmten Gestalt.

          DIETER BARTETZKO

          "Lüpertz - Richter - Schreiter". Große Glasmalereiprojekte 2007 in Köln und Mainz. Hrsg. von Wilhelm Derix mit einem Beitrag von Holger Brülls. Derix Glasstudios, Taunusstein-Wehen 2008. 61 S., Abb., geb., 22,- [Euro]. 50 Exemplare als Vorzugsausgabe mit einem originalen handcolorierten Offset-Litho (Auflage 50) von Johannes Schreiter, je Band 160,- [Euro].

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen