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: Im Kaffeehaus der verirrten Seelen

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Das Gesicht des Durchschnittsmenschen ist ein blinder Spiegel: Niemand wird sich darin wiedererkennen können, teilt der vom belgischen Statistiker Adolphe Quételet 1835 so genannte "homme moyen" mit der menschlichen Natur doch nur die verwechselbaren Züge. Erst die Verzerrung scheint den Menschen auf unheimliche Weise mit sich selbst vertraut zu machen.

          Das Gesicht des Durchschnittsmenschen ist ein blinder Spiegel: Niemand wird sich darin wiedererkennen können, teilt der vom belgischen Statistiker Adolphe Quételet 1835 so genannte "homme moyen" mit der menschlichen Natur doch nur die verwechselbaren Züge. Erst die Verzerrung scheint den Menschen auf unheimliche Weise mit sich selbst vertraut zu machen. Im Zuge von Johann Caspar Lavaters Physiognomik, die im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts versucht hat, dem Antlitz als Spiegel der Seele den Schliff der Augenfälligkeit zu geben, ist daher die Psychiatrie zu einer führenden Disziplin der Menschenkunde aufgerückt. Nirgendwo anders als in der Psychiatrie gibt sich aber gleichzeitig die Geschichtlichkeit der Voraussetzungen jeder Menschenkenntnis deutlicher zu erkennen, und sei es in der grotesken therapeutischen Maßnahme eines "Katzenklaviers" - "Die Katzen waren nach der Tonleiter ausgesucht, in eine Reihe mit rückwärts gekehrten Schwänzen geordnet; auf dieselben fiel eine mit scharfen Nägeln versehene Tastatur" -, mit dessen Hilfe sollten Melancholiker zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts zur menschlichen Vernunft zurückgeführt werden.

          Was also läge näher, als in einem Führer der "Psychiatriemuseen in Europa" die "Verortungen der Seele" zu kartographieren? Sollte sich nicht auch in den Ausstellungskonzepten, wie Museen die sich wandelnden Begriffe der Seele im Spiegel der Geschichte ihrer fürsorglichen Behandlung veranschaulichen, die antike Methode der Topik bewähren, die "Suchformeln" und "Fundorte" bereitstellt, um uns Erkenntnisszenen des Verhältnisses zwischen "Normalität" und "pathologischer" Abweichung vor Augen zu führen.

          Um es vorwegzunehmen: Gemessen an seinem Anspruch, "öffentlich zugängliche Orte aufzusuchen, die das Seelenleben am Rande seiner Möglichkeiten zeigen", überzeugt das Buch des Psychotherapeuten Rolf Brüggemann und der Kunsttherapeutin Gisela Schmid-Krebs nicht. Zwar stellt es in den vier Abschnitten "Museen der Psychiatrie", "Gedenkstätten der Euthanasie", "Die Kunst der anderen Art" und "Anderenorts" über 100 europäische Einrichtungen vor, zu denen auch Stadtspaziergänge wie "Freuds Wien" oder die Zürcher "PsychoTour"gehören.

          Der Versuch, die jeweiligen Ausstellungskonzepte begrifflich zu durchdringen, ist aber nicht erkennbar; dazu mangelt es den Autoren nicht nur am viel zu knapp bemessenen Raum, sondern auch an sprachlichem Ausdrucksvermögen. Was "kritische und mangelhafte Aspekte der Behandlung der erkrankten und irrenden Seelen" sein sollen, welche die "zunehmende Selbstreflektion der Psychiatrie" zutage fördere, lässt sich jedenfalls mehr erahnen als verstehen.

          Bezeichnenderweise gelingt dieser Versuch trotzdem dort am treffendsten, wo sich im pädagogischen Konzept von "MuSeele", dem von Rolf Brüggemann geleiteten Museum für "Geschichte der Psychiatrie & Psychiatriegeschichten im Christophsbad" in Göppingen, das Wahrnehmungsprinzip des Buches zu erkennen gibt: "Die objektivierende Betrachtung wird zugunsten einer emotionalen Betroffenheit zurückgestellt." So münden viele Museumsbesuche in beredt stumme Gemeinplätze wie: "In bedrückter Stimmung verlassen wir diesen Ort. Worte sind schwer zu finden." Da hilft meist nur noch ein starker Kaffee - in Wien auch ein "großer Brauner", in Zürich ein "Schümli-Kaffee". Tatsächlich gleicht das Buch mehr einem hedonistischen Kaffeehaus- im Gewand eines Psychiatriemuseenführers als umgekehrt, und ein Besuch im Deutschen Epilepsiemuseum Kork scheint sich schon deshalb zu lohnen, weil man von dort "weiter in einen elsässischen Gasthof" ziehen kann, "um ein paar Froschschenkel zu genießen".

          Demgegenüber fehlen in diesem Museenführer vertiefende Literaturhinweise, Informationen über die Anfahrt, Öffnungszeiten, Eintrittspreise et cetera, aber auch ein Personen- oder gar ein Sachregister. Man könnte immerhin von einem reich illustrierten Verzeichnis weiterführender Internetadressen sprechen, das mit seinem Gegenstand, der "Seele", den Un-Ort der Virtualität teilt, würde den Abbildungen nicht nahezu jeglicher Hinweis zu ihrer Entstehung fehlen. So verzweifelt suchen die Illustrationen nach einem Kontext, dass neben die Erläuterung zum Anstaltsfriedhof des Klinikums Weilmünster als "Gedenkstätte für die im Rahmen der T4-Aktion und in der Anstalt ermordeten Patienten" die Fotografie sonnenbadender Jünglinge bei einer "Frischluftkur" zu stehen kommt.

          Bleibt im Hinblick auf die "Kunst von Geisteskranken" die Frage, ob es "vielen Museen" tatsächlich gelingen kann, über die Vermittlung dieser unmittelbar spürbaren "Attraktion des Andersartigen und Verrückten" das "Stigma der Psychiatrie zu überwinden". Der namhafteste Vertreter der von Jean Dubuffet sogenannten "Art brut" jedenfalls, Adolf Wölfli, der sich als "Geisteskranker" in der Berner Irrenheil- und -pflegeanstalt Waldau aller Rechte beraubt sah, hätte für diese Feststellung nur Spott übrig gehabt: "Irren ist menschlich: Soh sagt ein altes Sprich= Wort. Und nun befinde ich mich wirklich im Irren=Haus, als schwehr kranker, gäntzlich entkräfteter und, tottal verbrantter, erschrokener Unglüks=Fall vohr Ihro großfürstlicher Hoheit, dem Heiligen Geist."

          MARTIN STINGELIN

          Rolf Brüggemann, Gisela Schmid-Krebs: "Verortungen der Seele - Locating the Soul". Psychiatriemuseen in Europa - Museums of Psychiatry in Europe. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2007. 205 S., Abb., br., 29,90 [Euro].

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