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: Im inneren Vaterland

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Unter den deutschen Schriftstellern unserer Epoche gibt es keinen, der sich den Abgrund zwischen Wort und Gegenstand, zwischen Zeichen und Bezeichnetem, so zu Herzen nimmt wie Walter Kempowski. Ihn schmerzt, daß jeder gegenwärtige Satz, der unsere Sinnesempfindungen berührt, sogleich in die Vergangenheit abrutscht, wo die berührbaren Sinne fehlen.

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          Unter den deutschen Schriftstellern unserer Epoche gibt es keinen, der sich den Abgrund zwischen Wort und Gegenstand, zwischen Zeichen und Bezeichnetem, so zu Herzen nimmt wie Walter Kempowski. Ihn schmerzt, daß jeder gegenwärtige Satz, der unsere Sinnesempfindungen berührt, sogleich in die Vergangenheit abrutscht, wo die berührbaren Sinne fehlen. Deshalb Kempowskis semiotische Leidenschaften, seine Zuflucht zu Lebensbeschreibungen, Chroniken und Tagebüchern, oder gar seine Expeditionen durch die Flohmärkte und Antiquariate, die er ruhelos durchstreift, weil ihn die Hoffnung befeuert, er könnte dort ein Buch finden, das er als Junge gelesen, oder ein abgegriffen Ding, in dem noch eine unerlöste Gegenwart schlummert.

          Überraschend und einsichtig, daß uns Kempowski John Dos Passos und seine epische Darstellungsweise quer durch den amerikanischen Kontinent ins Gedächtnis ruft, aber im Grunde hat er viel ältere Vorfahren. Zu ihnen zählen die französischen Realisten und Naturalisten, Balzac und Zola, oder gar der Romantiker Victor Hugo in seiner "Sage von den Jahrhunderten", die alle nichts Geringeres wollten, als ein ganzes Zeitalter in unvergeßbare Sicherheit zu bringen.

          In Kempowskis Poetik zählt vor allem das ganz Große und das ganz Kleine, der "Zyklus", oder die Bücher, die episch zusammenhängen, und zugleich das lyrische "Plankton" oder die vereinzelten und winzigen Erinnerungsbilder, die "unablässig in den Ganglien hin- und herschießen" und das individuelle Gedächtnis konstituieren. Kempowski zählt nicht zu den störrischen Theoretikern, aber er hat sich schon vor zwanzig Jahren Rechenschaft darüber abgelegt, welche Bedeutung das Prinzip Collage für ihn besitzt, das lebensspendende (lange) Zitat, als Substanz, Zeugnis oder Dokument; und wenn die historische Avantgarde, vor nahezu achtzig Jahren, Zeitungstexte mitten in Ölbilder setzte, um Kunst und Leben zu versöhnen, wird Kempowski von der Hoffnung getrieben, mit den Zitaten und dem Zyklus der Tagebücher, der Vergangenheit ein Stück zu entreißen und wieder in Gegenwart, Unmittelbarkeit und Sinnlichkeit zu übertragen.

          Das erklärt auch Kempowskis merkwürdiges Verfahren, seine Tagebücher jahrelang liegen zu lassen, ehe er sie, wie seltene Weinsorten oder einen raren Stilton, ans Licht bringt, "Sirius" (von 1983) im Jahre 1990, "Alkor" (1989) zwölf Jahre später, und nun sein drittes, von 1990, im Frühjahr 2006. Jeder andere Autor wäre bemüht, Tagebücher aktuell und ofenfrisch auf den Markt zu bringen, aber Kempowski hat andere Gedanken im Kopf, und das Tagebuch von damals ist zu einer Textgestalt geworden, Vergangenheit, aber zugleich lebendige Sinnlichkeit.

          Jeder der Bände hat seine eigene Charakteristik; im ersten die Familie, die Landschulpädagogik, Colloquia und die Literaturseminare in seinem Haus (Kempowski sieht es nicht gerne, daß die Zuhörer kreuz und quer im Zimmer sitzen anstatt schön ordentlich), im zweiten politische Spannungen (jede Tagesnotiz eingeleitet durch kontrastierende Schlagzeilen aus Ost- und Westpresse), aber auch ironische Ansätze zu einem "Dorfroman" aus dem niedersächsischen Nartum (die Hühner und anderes Getier auf dem ländlichen Grundstück). Jetzt, im dritten Band, der Untergang der DDR und die Vereinigung der Staaten, anstatt der Schlagzeilen Merksprüche in regionalen Idiomen, Pfälzisch, Mecklenburgisch, aber auch Jiddisch und, wie in einem guten Roman, die Suche nach Elternhaus, Jugend und "Hamit" - kein arabisches Wort, sondern "Heimat" in der Sprache seiner Mithäftlinge aus dem Erzgebirge, mit denen der junge Kempowski acht Jahre lang in der DDR im Zuchthaus saß.

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