https://www.faz.net/-gr3-r020

: Im geheimen Kämmerlein hinter der Nase

  • Aktualisiert am

Man kennt solche Augenblicke aus dem Kino. Ein Polizist vor dem Schuß. Ein Basketballer beim Wurf. Ein Leibwächter im Moment des Attentats. Die Außenwelt verstummt, die Zeit steht still, das Blickfeld verengt sich zum Tunnel. Bei einem Puls von über 175 Schlägen pro Minute schaltet sich das Großhirn ab, Raubtierinstinkte übernehmen das Kommando.

          4 Min.

          Man kennt solche Augenblicke aus dem Kino. Ein Polizist vor dem Schuß. Ein Basketballer beim Wurf. Ein Leibwächter im Moment des Attentats. Die Außenwelt verstummt, die Zeit steht still, das Blickfeld verengt sich zum Tunnel. Bei einem Puls von über 175 Schlägen pro Minute schaltet sich das Großhirn ab, Raubtierinstinkte übernehmen das Kommando. Für Malcolm Gladwell folgen letztlich alle Entscheidungen diesem Muster - auch die simple Wahl zwischen zwei Marmeladengläsern im Supermarkt.

          Schon in seinem ersten Bestseller "The Tipping Point" untersuchte der amerikanische Journalist und Autor den geheimnisvollen Punkt, an dem Einzelereignisse in Massenphänomene umschlagen. Im Nachfolger "Blink!" hält Gladwell nun jene Sekundenbruchteile fest, in denen alltägliche Entschlüsse fallen - und zwar, so Gladwell, meist ohne Beteiligung des Denkens. Das Buch feiert das Rätsel des flüchtigen Blicks, der plötzlichen Intuition, des unwillkürlichen Geistesblitzes. Ob der Präsident einer Plattenfirma einen neuen Song probehört oder ein Kunsthistoriker eine antike Statue auf ihre Echtheit überprüft: Nach Gladwell sind die Würfel fast immer schon gefallen, wenn die Akten mit den frischen Sinneseindrücken auf dem Schreibtisch unseres Bewußtseins landen.

          Heikle Entscheidungen, so lehrt die Staatsräson, fallen hinter verschlossenen Türen. Für die Seele macht Gladwell offenbar eine ähnliche Notstandsgesetzgebung geltend. Die wichtigsten Urteile werden in einer geheimen Kammer gefällt, lokalisiert in einer Region hinter der Nase. Das Unbewußte, hier ohne jede Freudsche Aura als Hochleistungsrechner beschrieben, lenkt uns wie ein "Autopilot" durch den Alltag - und läßt uns nach Gladwell mit guten Gründen nicht an seinen Eilsitzungen teilnehmen. Denn die Kenntnis unserer Handlungsrezepte würde uns nur in heillose Verwirrung stürzen.

          So glauben zum Beispiel selbst die besten Tennisspieler, sie würden das Handgelenk beim Schlagen einer Vorhand über den Ball drehen. Tatsächlich findet diese Drehung erst nach dem Aufprall statt und bleibt somit ohne jede Auswirkung auf die Flugbahn. Auch Singles beim "Speed-Dating" reagieren oft auf jene Partner, die ihren zuvor angegebenen Kriterien am wenigsten entsprechen, mit der verräterischsten Körpersprache. Wer anfängt, über solche Widersprüche nachzudenken, hat seine Unschuld schon so gut wie verloren. Tatsächlich stellt Gladwell bei unerfahrenen Marmeladentestern, die ihre Geschmacksurteile begründen sollten, eine Art negativen Heisenberg-Effekt fest: Wer das Geheimnis seiner Entscheidungsfindung lüften soll, büßt jede Instinktsicherheit ein. Reflexion stört den siebten Sinn nur bei der Arbeit.

          Auf den ersten Blick ist Gladwells Buch ein vitalistisches Plädoyer für den Schuß aus der Hüfte und gegen hamlethafte Zauderei. Die Eingebung schlägt die Überlegung bei ihm stets um Längen. Ein ganzes Kabinett schillernder Typen bezeugt in diesem Buch die Verläßlichkeit der inneren Stimme. Im einzelnen begegnen wir folgenden Typen: dem Investmentbanker George Soros, der angeblich durch Rückenschmerzen vor Marktveränderungen gewarnt wird; dem Autohändler Bob Golomb als Inbegriff professioneller Menschenkenntnis; oder dem draufgängerischen Elitekämpfer Paul van Riper, der den nächsten Raketenangriff immer schon im Urin hat, bevor er auf den Schirmen des hochtechnisierten Kriegswesens auftaucht.

          Weitere Themen

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.