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: Im galanten Dirigentenstadl

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Durch Schallplatteneinspielungen und Konzertaufführungen ist Bachs Zeitgenosse Johann Georg Pisendel zumindest dem Kenner der "historisch informierten" Musizierpraxis ein Begriff als führender Geiger und Komponist seiner Zeit. Seine bis heute reichende Bedeutung als orchestererziehender Kapellmeister ...

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          Durch Schallplatteneinspielungen und Konzertaufführungen ist Bachs Zeitgenosse Johann Georg Pisendel zumindest dem Kenner der "historisch informierten" Musizierpraxis ein Begriff als führender Geiger und Komponist seiner Zeit. Seine bis heute reichende Bedeutung als orchestererziehender Kapellmeister am Kursächsischen und Königlich-Polnischen Hof von Dresden wird in führenden Musiklexika zwar erwähnt, war aber bisher kaum Forschungsgegenstand. Mit seiner gewichtigen Dissertation über Pisendel und die Anfänge der neuzeitlichen Orchesterleitung erschließt Kai Köpp, der bereits mit Arbeiten über die historische Aufführungspraxis und als Solist auf Viola, Viola d'amore sowie dem von Bach mitentwickelten Violoncello picollo hervortrat, ein kaum beackertes Feld der Musikwissenschaft.

          Dank seiner Fähigkeit, bisher unbekannte Quellen aufzuspüren und bekannte Dokumente in ein neues Licht zu stellen, schließt Köpp Lücken in Pisendels Biographie und bewertet dessen anspruchsvolle Tätigkeit in Dresden neu - im Hinblick auf die Geschichte von Orchesterpraxis und Konzertmeisteramt seit dem siebzehnten Jahrhundert wie auf die Nachwirkung bis heute. So wird Pisendels Persönlichkeit auch in seiner protestantischen Frömmigkeit schärfer beleuchtet, seine Ausbildung als Sänger und Geiger am Ansbacher Markgrafenhof und seine Europa-Reisen in Dresdner Hofdiensten werden in ihren stilbildenden Auswirkungen untersucht. Aus Pisendels Spielanweisungen in Partituren des Dresdner Instrumental-Repertoires und aus Sekundärquellen wie dem berühmten "Versuch einer Anweisung, die Flöte traversiere zu spielen" (1752) seines Schülers Johann Joachim Quantz erschließt der Autor das Berufsprofil des barocken Konzertmeisters, das, ohnehin umfassender als sein heutiges Gegenstück, von Pisendel in die Richtung zum modernen Berufsdirigenten entwickelt wurde.

          Köpp weist nach, daß Pisendel als Orchestererzieher über den Usus seiner Zeit hinaus auf Präzision im Zusammenspiel, Differenzierung in Stil und Ausdruck bestand. Dabei wirkte Pisendels Dirigiertechnik in zwei Richtungen bis heute weiter: Der dirigierende Geiger wurde zum Urtyp des heutigen Konzertmeisters mit der Violine als obligatorischem Leitinstrument und zum Vorläufer des Taktstockdirigenten, "der sich aus dem Violindirektor entwickelte", so der Verfasser. Für diese Zukunftsfunktion erfüllte Pisendel bereits entscheidende Kriterien, die in seiner Zeit alles andere als selbstverständlich waren: verantwortliches Einüben und Aufführen von Repertoire als Hauptberuf, Orchesterleitung aus der Partitur, bereits mit den heute üblichen Schlagfiguren.

          Johann Georg Pisendel erscheint so nicht allein als Schlüsselfigur zwischen seinen Lehrern Giuseppe Torelli und Antonio Vivaldi, seinen Freunden Telemann und Bach, seinen Kollegen Johann Adolph Hasse und Johann David Heinichen sowie seinen bedeutenden Schülern, darunter Quantz; er gewinnt auch Profil als Wegbereiter zum "galanten Stil" , der in seinen Kompositionen neben barockem Erbe hörbar wird, vor allem aber als kreatives Zentrum im Musikleben seiner Zeit - samt Fernwirkung bis heute.

          In seiner perspektivenreichen Studie, die sich dank ihrer treffsicheren Diktion auch für Leser ohne wissenschaftlichen Hintergrund empfiehlt, rollt Köpp ein wichtiges Kapitel der Musikgeschichte auf. Er gibt auch Anstöße für weitere Arbeiten in diesem Sektor sowie für die Editions- und Aufführungspraxis.

          ELLEN KOHLHAAS.

          Kai Köpp: "Johann Georg Pisendel (1687-1755) und die Anfänge der neuzeitlichen Orchesterleitung". Hans Schneider Verlag, Tutzing 2005. 532 S., 30 Abb., geb., 82,- [Euro].

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