https://www.faz.net/-gr3-ved5

: Im Feuer des Dornenbuschs

  • Aktualisiert am

Es war nicht alles schlecht: Fällt auch die Erfolgsbilanz von vierzig Jahren "real existierendem Sozialismus" in Ostdeutschland sonst eher mager aus, in puncto Entkirchlichung hat er, wie man sich auch im Jahr 2007 leicht überzeugen kann, anständige Arbeit geleistet. Das schaffen wohl nur die Deutschen.

          6 Min.

          Es war nicht alles schlecht: Fällt auch die Erfolgsbilanz von vierzig Jahren "real existierendem Sozialismus" in Ostdeutschland sonst eher mager aus, in puncto Entkirchlichung hat er, wie man sich auch im Jahr 2007 leicht überzeugen kann, anständige Arbeit geleistet. Das schaffen wohl nur die Deutschen. Denn diesen Befund zu generalisieren und abendländisch müde von einer Krise des christlichen Glaubens zu sprechen, entspräche ganz und gar nicht dem europäischen oder globalen Befund: Das Christentum ist, besonders dynamisch in einer pfingstlerischen Variante, auf dem Vormarsch.

          Aufgabe des Religionssoziologen ist es, diesen Befund - und andere, wie eine bunte kirchenfreie postmoderne "Spiritualität" oder die alltägliche Begegnung des Christentums mit anderen Religionen - darzustellen sowie Gründe, Bedingungen und Konsequenzen zu analysieren. Wenn er sich aber von dem Phänomen herausfordern lässt, selbst zu sagen, was er glaubt und hofft, verlässt er den Schutz der eigenen Profession.

          Peter L. Berger, einer der international führenden Vertreter seines Faches seit den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und heute Professor emeritus der Boston University, hat mit dem vorliegenden Band, der 2003 auf Englisch erschien, diese Grenze bewusst überschritten. Es geht also (leider) nicht um Hilfestellung der Soziologie für die Theologie. Auch so könnte Interdisziplinarität ja einmal laufen. Nein, Berger will ein Stück "Laientheologie" liefern, in Form einer Kommentierung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Früher nannte man das "Katechismus" oder "Kurzgefasste Dogmatik". In unserer globalisierten Zeit, die durch vielfältige und auch religiöse Wahlmöglichkeiten, ja den "Zwang zur Häresie" (so der Titel einer früheren Monographie Bergers) bestimmt ist, kann der Gestus des Autors aber nicht das einfache Dekretieren oder das Ehrfurcht gebietende "Wir" von Tradition und Institution sein. Kommentierung bedeutet nicht nur Wahrnehmung und Übernahme, sondern auch Auseinandersetzen und Verwerfen. "Nein danke!" und "Uninteressant" lauten denn auch wiederholt die abschließenden Stellungnahmen zu dieser oder jener Aussage aus Bekenntnis oder Bibel.

          Die Provokation wirkt etwas altbacken, aber sie macht, wie das Buch insgesamt, immerhin deutlich, dass jeder für sein Glauben oder Nichtglauben selbst einstehen muss und kann. Gerade für westliche Intellektuelle, die nach Feierabend gelegentlich gern in den Wonnen des Mysteriums, der Tradition oder der lateinischen Liturgie baden, vielleicht keine ganz überflüssige Erinnerung. Das alles schmeckt sehr protestantisch, und Berger bekennt sich auch gleich zu Beginn zu einem liberalen (eher lutherischen als reformierten) Protestantismus à la Schleiermacher. Fernsehpredigerfanatismus, Puritanismus, religiös verbrämter Imperialismus oder wie man sich in Europa sonst "typisch" amerikanisches Christentum vorstellen mag - von alldem aber findet sich bei Berger nichts. Kriterien zur Auswahl aus dem Angebot der Tradition sind neben einer gewissen logisch-intellektuellen Plausibilität besonders der "Nexus" zwischen Tradition und eigener Wahrnehmung ("Ja, ja - das passt!"), der Glaube an das Gute in Gott ("Glauben heißt, auf den letzten Wert der Freude zu setzen") und der Blick auf die absehbaren gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen dieser oder jener Haltung. Was bleibt auch anderes übrig, solange man sich nicht auf eine revelatio specialissima berufen kann? Es ist die große Redlichkeit der in diesem Buch vorgeführten Subjektivität, dieser Versuchung nicht einmal im Ansatz zu erliegen.

          Weitere Themen

          „Born in Evin“ Video-Seite öffnen

          Filmkritik : „Born in Evin“

          Maryam Zaree kam im Teheraner Foltergefängnis Evin zur Welt. Über die Zeit dort sprachen ihre Eltern nie. Die Schauspielerin fragt danach, nicht nur um ihrer selbst willen. Ursula Scheer über den bewegenden Film „Born in Evin“.

          Topmeldungen

          Ein Mann schwenkt eine türkische Nationalflagge und feiert die Übernahme einer syrischen Provinz durch das türkische Militär.

          Brief aus Istanbul : Wie die Militäroffensive Erdogan innenpolitisch nützt

          Präsident Erdogan führt in Syrien einen Feldzug gegen die Kurden. Kritik aus dem Ausland und Sanktionen nimmt er in Kauf. Um seine Macht zu erhalten, muss er die öffentliche Wahrnehmung in der Türkei verbiegen. Wie lange hält das vor?
          Einschusslöcher an der Tür der Synagoge in Halle zeugen von dem Versuch von Stephan B., sich gewaltsam Zugang zu verschaffen.

          Nach Anschlag in Halle : Zwei junge Männer aus Mönchengladbach im Visier

          Zwei Männer, 26 und 28 Jahre alt, sollen das „Manifest“ des Rechtsextremisten Stephan B. kurz nach dem Terroranschlag im Internet verbreitet haben. Gegen sie wird nun wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.