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: Im ersten Augenblick

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Es gibt sie noch, die eher selten gewordene Spezies von Ärzten, die sich für die Altvordern in ihrem Fachgebiet interessieren und sogar deren lateinische Schriften antiquarisch erwerben. Erst jüngst erzählte mir ein renommierter deutscher Gerichtsmediziner voller Stolz, daß er eine seltene Ausgabe von Paolo Zacchias Werk "Quaestiones medico-legales" ersteigert habe.

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          Es gibt sie noch, die eher selten gewordene Spezies von Ärzten, die sich für die Altvordern in ihrem Fachgebiet interessieren und sogar deren lateinische Schriften antiquarisch erwerben. Erst jüngst erzählte mir ein renommierter deutscher Gerichtsmediziner voller Stolz, daß er eine seltene Ausgabe von Paolo Zacchias Werk "Quaestiones medico-legales" ersteigert habe. Was veranlaßt jemanden, der mit der Aufklärung komplizierter Kriminalfälle befaßt ist, sich mit dem "Vater der Gerichtsmedizin", Paolo Zacchia (1584 bis 1659), zu beschäftigen? Es könnte die Bewunderung für die unnachahmliche Fähigkeit dieses bedeutenden Mediziners sein, auch solche Fragen zu erörtern, die weit über die gerichtsmedizinische Praxis hinausgehen, und dabei allgemeine, philosophische und theologische Überlegungen ganz selbstverständlich einzubeziehen.

          Seine Qualitäten als Autor stellt Zacchia vor allem in den "Quaestiones medico-legales", die zwischen 1620 und 1650 in mehreren Bänden erschienen, unter Beweis. Zacchia hatte Medizin in seiner Vaterstadt Rom studiert. Dort wurde er 1644 Leibarzt der Päpste Innozenz X. und Alexander VII. Gleichzeitig übte er die Funktion des obersten Amtsarztes im Kirchenstaat aus und war medizinischer Berater der Rota Romana, des päpstlichen Gerichtshofes. Daß sich Zacchia auch ausführlich mit einer so zentralen Frage beschäftigt hat wie der nach dem Beginn des menschlichen Lebens, war bislang nur Kennern bekannt.

          In der Zeit, in der Zacchia den diesbezüglichen, jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegenden Band der "Quaestiones medico-legales" verfaßte, wußte man nur recht wenig über die biologischen Vorgänge bei der Embryonalentwicklung. Noch unbekannt waren für Zacchia jene Entdeckungen vom Zeugungsvorgang, die durch die Entwicklung des Mikroskops in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts ermöglicht wurden. Dazu gehören die Identifizierung der Eifollikel durch Reinier de Graaf (1641-1673) und die Entdeckung der Spermatozoen durch Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723). Neben seiner Erfahrung als Gerichtsmediziner, der sich auch mit Abtreibungsfällen befassen mußte, war es vor allem Zacchias umfangreiches theoretisches Wissen, das ihn dazu befähigte, die überlieferten Zeugungstheorien kritisch zu würdigen und zu erweitern.

          Gleichsam zur Unzeit widersprach er der aristotelischen Lehre der Sukzessivbeseelung, die einen mehrstufigen Aufbau der Seele annahm. Nach dieser Auffassung, die bis in die Neuzeit das naturwissenschaftliche Denken der Menschen prägte, wuchs nach der Vermischung des männlichen mit dem weiblichen Samen in der Gebärmutter eine Leibesfrucht heran, die am Anfang nur eine Art Pflanzenleben führt, um dann im Zuge der weiteren Reifung in das Stadium animalisch-sensitiven Lebens einzutreten, bevor der Fötus dann mit einer Vernunftseele ausgestattet wird.

          Nach biblisch-talmudischer Auffassung wurde bekanntlich die Seele dem männlichen Embryo bereits am vierzigsten Tage, dem weiblichen erst am achtzigsten Tage nach der Empfängnis eingehaucht. Zu einer ähnlichen Zäsur gelangte auch Aristoteles, der die Belebung (im Unterschied zur Beseelung) für das männliche und weibliche Geschlecht unterschiedlich ansetzte. Die Gliederung und körperliche Durchformung der männlichen Frucht legte er auf den vierzigsten Tag, wohingegen er die weibliche Frucht erst mit Eintritt des vierten Schwangerschaftsmonats als gegliedert ansah. An dieser Aristotelischen Stufenlehre, die man später auch als Epigenese bezeichnete, orientierte sich bis weit in die Neuzeit hinein die kirchen- und strafrechtliche Beurteilung der Abtreibung.

          Zacchia geht dagegen in den späteren Auflagen seiner "Quaestiones medico-legales" von einer Simultanbeseelung aus und grenzt sich dabei scharf von Daniel Sennert (1572 bis 1637), dem "deutschen Galen", ab, der die menschliche Vernunftseele bereits im Samen vermutete. "Die Vernunftseele wird von dem besten und größten Gott unmittelbar im ersten Augenblick der Empfängnis geschaffen", so faßte Zacchia seine umfangreiche Beweisführung zusammen. Damit stand er im Widerspruch zu der Lehre der Kirche, die weiterhin die stufenweise Beseelung zur Richtschnur ihrer Moraltheologie machte. Obwohl er von der Richtigkeit seiner Auffassung überzeugt war, akzeptierte der Leibarzt des Papstes die damals herrschende Rechtsauffassung der Kirche und plädierte deshalb am Schluß seiner Ausführungen über die Beseelung des Fötus für eine "Fristenlösung", eine abgestufte Strafverfolgung, je nach Alter des Fötus. Erst 1917 fand die Lehre der Simultanbeseelung Eingang in das katholische Kirchenrecht. Seitdem kann jede Abtreibung - unabhängig vom Entwicklungsgrad des Fötus - mit der Exkommunikation bestraft werden.

          ROBERT JÜTTE

          Paolo Zacchia: "Die Beseelung des menschlichen Fötus". Buch IX, Kapitel 1 der "Quaestiones medico-legales". Ediert, übersetzt und kommentiert von Beatrix Spitzer. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 2002. 215 S., geb., 30,50 [Euro].

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