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: Illusion einer Traumkombination

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In jüngster Zeit las man ein paar "Minderheitenvoten" von Fachpsychologen, aus denen großer Unmut über den Hype der Hirnforschung spricht. So heißt es in einem "Manifest" (F.A.Z. vom 16. Juni), das sechs Psychologieprofessoren in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift "Gehirn & Geist" veröffentlichten: ...

          In jüngster Zeit las man ein paar "Minderheitenvoten" von Fachpsychologen, aus denen großer Unmut über den Hype der Hirnforschung spricht. So heißt es in einem "Manifest" (F.A.Z. vom 16. Juni), das sechs Psychologieprofessoren in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift "Gehirn & Geist" veröffentlichten: "Besonders nachteilige Auswirkungen auf das Verhältnis von Hirnforschung und Psychologie hat das populäre Mißverständnis, die Neurowissenschaften könnten einen besser fundierten Zugang zum Verständnis psychischer Prozesse anbieten oder könnten gar den alten Traum erfüllen, unsichtbare psychische Konstrukte (etwa emotionale oder kognitive Prozesse oder Willensakte) sichtbar zu machen. Bereits jetzt ist zu erkennen, daß diese Fehleinschätzung der Psychologie großen Schaden zufügt, und zwar in der Konkurrenz um die beschränkten finanziellen Ressourcen und Fördermittel."

          Wie das aktuelle Buch zu diesem Streit der Zunft liest sich Manfred Veldens Studie "Biologismus - Folge einer Illusion". Der Professor für Physiologische Psychologie beschreibt in wissenschaftshistorischer Sicht ein Grundmißverständnis seines Faches: daß die menschliche Psyche nicht etwa nur eine unbestritten biologische Grundlage hat, sondern - und hier setzt Velden das weitreichende Mißverständnis an - "darüber hinaus auch über biologische Prozesse erklärt werden kann". Velden bezeichnet es als eine sein Fach von Anfang an leitende Illusion, "daß sich psychische Prozesse generell im Sinne einer Naturwissenschaft, also in Form allgemeinverbindlicher Regeln (Gesetze), beschreiben lassen". Diese Illusion sei der Psychologie gleichsam mit in die Wiege gelegt worden, als sie sich im neunzehnten Jahrhundert als Wissenschaft konstituierte. So sprach Friedrich Albert Lange in seiner berühmt gewordenen "Geschichte des Materialismus" von 1866 davon, eine "Psychologie ohne Seele" aufbauen zu wollen. Und Physiologen wie Johannes Müller und Hermann Helmholtz sowie Physiker wie Gustav Theodor Fechner waren nach der Jahrhundertmitte die entscheidenden Wegbereiter einer naturwissenschaftlichen Psychologie. Insofern hat das aktuelle Aufbegehren einiger Psychologen gegen die Vereinnahmung durch die Neurowissenschaften auch eine leicht ahistorische Note. War doch die Naturalisierung der Seele bereits ins Gründungsdokument der Psychologie eingeschrieben - und ist breitenwirksam bis heute entfaltet.

          Nun ist Veldens Buch alles andere als ein antinaturalistisches Manifest. Nicht das Ob, sondern das Wie der Naturalisierung steht für den Autor zur Debatte, und in diesem Sinne hat er eine herzhafte Provokation des fachpsychologischen main stream verfaßt. Um Mißverständnissen vorzubeugen, betont der Autor gleich eingangs, "daß meine Kritik sich nicht gegen den Einsatz naturwissenschaftlicher Methoden in der Psychologie richtet (ihre Nützlichkeit muß von Fall zu Fall geprüft werden), sondern gegen die Psychologie als Naturwissenschaft". Worum es Velden geht, ist die Dekuvrierung eines überzogenen, von effekthascherischen Versprechungen lebenden Anspruchs ("how the brain works"), die Sozialwissenschaften als Sparten der Biologie aufzufassen. "Menschliche psychische Prozesse, nicht direkt beobachtbar und nur indirekt und auf äußerst unsicherem Wege über objektive Daten erschließbar, einer unendlichen Vielfalt von Einflußfaktoren ausgesetzt, durch eine ebenso unendliche Vielfalt von individuellen Unterschieden gekennzeichnet und zu allem Überfluß auch noch ständigem Wandel unterworfen, sind einfach kein Gegenstand, der sich für die Erstellung von verbindlichen Regeln im Sinne einer Naturwissenschaft eignet."

          Nicht daß die Kulturentwicklung natürlich auch von biologisch geprägten Verhaltenstendenzen beeinflußt wird, ist zweifelhaft. Der Kategorienfehler setzt aber dort ein, wo - wie etwa von dem Soziobiologen Edward Wilson - die kulturelle Entwicklung ausschließlich biologisch erklärt werden soll. Dazu schreibt Velden: "Wir haben hier die biologistische Auffassung in ihrer reinsten Form vor uns, wobei der Ismus bei Biologismus eine Ideologie, keine wissenschaftliche Auffassung bezeichnet, das heißt, die Biologie soll a priori den konzeptionellen Rahmen für alle Sozial- und Geisteswissenschaften, inklusive Sprach- und Literaturwissenschaften liefern, auch wenn die Inhalte dieser Wissenschaften Ergebnis kultureller Prozesse und Entwicklungen sind, die alleine wegen des kurzen Zeitraums ihrer Entstehung gar nicht evolutionär im Sinne der natürlichen Auslese entstanden sein können." Velden spricht immer dort von einem strukturell vergeblichen Projekt, wo sich sein Fach mit dem Prestige der Neurophysiologie, der Evolutionstheorie, der Quantitativen Genetik, der Molekulargenetik schmücken will, um die Rätsel menschlichen Verhaltens mit einem Universalschlüssel zu lösen.

          Der Reiz von Veldens Studie liegt vor allem darin, daß er mit empirischen Beispielen aus der psychologischen Forschungspraxis den biologistischen Ansatz überzeugend als ein Rechenproblem darstellt. Wegen der Komplexität und Unvorhersehbarkeit des Gegenstands sei die alles entscheidende Verhältnisbestimmung der Determinanten Kultur und Biologie nicht zu erbringen. Naturwissenschaftliche Exaktheit sei hier insoweit eine reine Propagandaformel. Der Spielraum für verschiedene Gewichtungen der Einflußfaktoren des Verhaltens bleibe derart groß, daß man trotz oder gerade wegen experimenteller Messungen über Spekulationen nicht hinauskomme.

          Velden bestreitet, daß möglich sei, was beispielsweise sein Kollege, der Physiologische Psychologe Hans Markowitsch, als selbstverständlich behauptet: eine "Inbezugsetzung neurowissenschaftlicher Methoden insgesamt". Man wisse ja gerade nicht, entgegnet Velden, was man bei den kulturellen und biologischen Anteilen wie und woraufhin, auf welches "insgesamt" hin in Bezug zu setzen habe, ob man hier überhaupt dualistisch von Anteilen sprechen könne oder - mit dem Verhaltensforscher Michael Tomasello - im Gegenteil von einer nur kulturell verstehbaren Biologie. In diesem Sinne würden im Biologismus, zumal in seiner neurowissenschaftlichen Spielart, "Problem und Methode windschief aneinander vorbeilaufen" (Wittgenstein).

          Aber, so Velden, jeder Betrieb habe seinen eigenen blinden Fleck, und die Verbindung von psychologischen Inhalten und naturwissenschaftlicher Methodik sei allemal eine "Traumkombination", suggeriere diese Kombination doch verbindliche Antworten auf die existentielle Frage nach der Funktion des menschlichen Geistes. Wer von einer solchen Utopie eingenommen sei, möchte ignorieren, "daß etwas prinzipiell nicht möglich ist. Wer Kritik übt, wird aufgefordert, eine Alternative zu bieten oder zu schweigen. Daß das Ziel prinzipiell nicht erreichbar ist, wird nicht akzeptiert. Es ist, wie wenn man jemandem, der einen Ballon baut, um damit zum Mond zu fliegen, sagt, daß das nicht geht, und zur Antwort bekommt, dann soll man doch einen besseren Ballon bauen." Man ist gespannt auf die Repliken, die dieses gut lesbare, erfrischend polemische Buch im Betrieb auslösen wird.

          CHRISTIAN GEYER

          Manfred Velden: "Biologismus - Folgen einer Illusion". Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005. 160 S., 10 Abb., geb., 31,90 [Euro].

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