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: Illusion einer Traumkombination

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Nicht daß die Kulturentwicklung natürlich auch von biologisch geprägten Verhaltenstendenzen beeinflußt wird, ist zweifelhaft. Der Kategorienfehler setzt aber dort ein, wo - wie etwa von dem Soziobiologen Edward Wilson - die kulturelle Entwicklung ausschließlich biologisch erklärt werden soll. Dazu schreibt Velden: "Wir haben hier die biologistische Auffassung in ihrer reinsten Form vor uns, wobei der Ismus bei Biologismus eine Ideologie, keine wissenschaftliche Auffassung bezeichnet, das heißt, die Biologie soll a priori den konzeptionellen Rahmen für alle Sozial- und Geisteswissenschaften, inklusive Sprach- und Literaturwissenschaften liefern, auch wenn die Inhalte dieser Wissenschaften Ergebnis kultureller Prozesse und Entwicklungen sind, die alleine wegen des kurzen Zeitraums ihrer Entstehung gar nicht evolutionär im Sinne der natürlichen Auslese entstanden sein können." Velden spricht immer dort von einem strukturell vergeblichen Projekt, wo sich sein Fach mit dem Prestige der Neurophysiologie, der Evolutionstheorie, der Quantitativen Genetik, der Molekulargenetik schmücken will, um die Rätsel menschlichen Verhaltens mit einem Universalschlüssel zu lösen.

Der Reiz von Veldens Studie liegt vor allem darin, daß er mit empirischen Beispielen aus der psychologischen Forschungspraxis den biologistischen Ansatz überzeugend als ein Rechenproblem darstellt. Wegen der Komplexität und Unvorhersehbarkeit des Gegenstands sei die alles entscheidende Verhältnisbestimmung der Determinanten Kultur und Biologie nicht zu erbringen. Naturwissenschaftliche Exaktheit sei hier insoweit eine reine Propagandaformel. Der Spielraum für verschiedene Gewichtungen der Einflußfaktoren des Verhaltens bleibe derart groß, daß man trotz oder gerade wegen experimenteller Messungen über Spekulationen nicht hinauskomme.

Velden bestreitet, daß möglich sei, was beispielsweise sein Kollege, der Physiologische Psychologe Hans Markowitsch, als selbstverständlich behauptet: eine "Inbezugsetzung neurowissenschaftlicher Methoden insgesamt". Man wisse ja gerade nicht, entgegnet Velden, was man bei den kulturellen und biologischen Anteilen wie und woraufhin, auf welches "insgesamt" hin in Bezug zu setzen habe, ob man hier überhaupt dualistisch von Anteilen sprechen könne oder - mit dem Verhaltensforscher Michael Tomasello - im Gegenteil von einer nur kulturell verstehbaren Biologie. In diesem Sinne würden im Biologismus, zumal in seiner neurowissenschaftlichen Spielart, "Problem und Methode windschief aneinander vorbeilaufen" (Wittgenstein).

Aber, so Velden, jeder Betrieb habe seinen eigenen blinden Fleck, und die Verbindung von psychologischen Inhalten und naturwissenschaftlicher Methodik sei allemal eine "Traumkombination", suggeriere diese Kombination doch verbindliche Antworten auf die existentielle Frage nach der Funktion des menschlichen Geistes. Wer von einer solchen Utopie eingenommen sei, möchte ignorieren, "daß etwas prinzipiell nicht möglich ist. Wer Kritik übt, wird aufgefordert, eine Alternative zu bieten oder zu schweigen. Daß das Ziel prinzipiell nicht erreichbar ist, wird nicht akzeptiert. Es ist, wie wenn man jemandem, der einen Ballon baut, um damit zum Mond zu fliegen, sagt, daß das nicht geht, und zur Antwort bekommt, dann soll man doch einen besseren Ballon bauen." Man ist gespannt auf die Repliken, die dieses gut lesbare, erfrischend polemische Buch im Betrieb auslösen wird.

CHRISTIAN GEYER

Manfred Velden: "Biologismus - Folgen einer Illusion". Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005. 160 S., 10 Abb., geb., 31,90 [Euro].

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