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: Ideologisch süchtig

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Kennengelernt hab ich sie im Sommer 1984, in der Jury des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises: eine hellwache, urteilssichere, auch in der Kritik taktvolle Siebzigerin. Als ich ihren Namen im Programmheft entdeckte, erinnerte ich mich an meine letzten Gymnasiastenjahre, in der zweiten Hälfte der Dreißiger.

          Kennengelernt hab ich sie im Sommer 1984, in der Jury des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preises: eine hellwache, urteilssichere, auch in der Kritik taktvolle Siebzigerin. Als ich ihren Namen im Programmheft entdeckte, erinnerte ich mich an meine letzten Gymnasiastenjahre, in der zweiten Hälfte der Dreißiger. Damals machte der Name einer jungen österreichischen Erzählerin und Lyrikerin die Runde, die dem Kreis um die Zeitschrift "Das innere Reich" nahestand, aber auch für den "Völkischen Beobachter" schrieb.

          Gertrud Fussenegger war offensichtlich aus der Windstille katholischer Erziehung in den Sog der Begeisterung für Hitler geraten. Obwohl ihre Erzählung "Mohrenlegende" auf den Index des Amtes von Reichsleiter Alfred Rosenberg kam, der in seinem "Mythus des 20. Jahrhunderts" den Glauben an ein Reich germanischer Rasse predigte, sorgte sie für Aufsehen mit einem Gedicht auf den triumphalen Einzug Hitlers in Wien im Frühjahr 1938. Wie die protestantische Pfarrersfrau und Schriftstellerin Ina Seidel mit ihrer lyrischen Huldigung an Hitler ließ sie sich zum Seitensprung aus der Welt des christlichen Glaubens mitreißen.

          Von daher gesehen, lesen sich ihre Nachkriegsromane, in denen christliche Themen eine wesentliche Rolle spielen, wie Zeugnisse anhaltender Buße, einer Bußfertigkeit freilich ohne jegliches Asketentum. In Klagenfurt eroberte sie das Publikum durch den Charme gleichzeitiger Lebenszugewandtheit und Abgeklärtheit. Ihre eigene Sicht auf die zwanziger Jahre und die Zeit des "Dritten Reichs" legte die noch in der Regierungszeit Kaiser Franz Josephs geborene Autorin im Erinnerungsband "Ein Spiegelbild mit Feuersäule" aus dem Jahre 1979 dar. Diese Selbstbiographie, die bis ins Jahr 1945 führt, ist nun in einer sowohl gerafften wie erweiterten Fassung unter dem Titel "So gut ich es konnte. Erinnerungen 1912-1948" neu erschienen.

          Deutlicher tritt im neuen Titel die Absicht hervor, Bilanz zu ziehen, aber auch sich zu rechtfertigen. Die Tochter eines Offiziers in der k. u. k. Armee wuchs in einem nicht eben demokratiefreundlichen Vaterhaus auf, in dem die Schuld am Untergang des Kaiserreichs gern auf die Vertreter der Republik abgewälzt wurde. (Deshalb versprach der "Anschluss" Deutsch-Österreichs an das Reich in den Augen vieler wenigstens einen Abglanz früherer Glorie.) Neue Erfahrungen brachte nach dem frühen Tod der Mutter die Schulzeit bei den Großeltern mütterlicherseits in der Tschechischen Republik. Im deutschen Realgymnasium in Pilsen gab den besten Unterricht eine jüdische Lehrerin, eine jüdische Mitschülerin (bald Zionistin) wurde ihre beste Freundin.

          Damit sind die Spannungsfelder umschrieben, von denen her sich die widersprüchliche Entwicklung der jungen Gertrud Fussenegger vielleicht erklären lässt, aber doch nicht ganz: Katholizismus, Nationalismus und Erfahrungen, die jeglichen Antisemitismus ausschließen. So bleibt in dem, was die Autorin ihre "ideologische Süchtigkeit" in der Hitler-Zeit nennt, ein stark irrationaler Rest. Ihre Anfälligkeit stieß im "Dritten Reich" auf offene Ohren der Propagandamedien. Die junge Schriftstellerin, Tochter eines der Donaumonarchie nachtrauernden Offiziers mit sudetendeutscher Herkunft mütterlicherseits, passte in die Denkschablone vom "Großdeutschen Reich". Die Neigung zur Verklärung mütterlichen Empfindens, die sie mit Ina Seidel teilte, kam der nationalsozialistischen Mutter-Ideologie und Familienpolitik gelegen. Obwohl die Autobiographie manche Einsicht wohl von später in die Vergangenheit vorverlegt (was sie mit vielen "Erinnerungen" gemeinsam hat), demonstriert sie doch den Zwiespalt, in den Hitlers Rassen- und Kriegspolitik die ins konservativ-christliche Milieu Hineingeborene schließlich brachte.

          Dass Gertrud Fussenegger auch Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat, deutet auf eine Beobachtung der Umwelt, die sich an die natürlichen Elemente des Lebens hält. Diese Wahrnehmungsweise durchdringt die Erzählsprache der Autorin überhaupt; in ihr hat Ironie keinen Platz. Aber mit der Konkretheit der Sprache, die den einfach-übersichtlichen Satzbau bevorzugt und Geschehnisse zu anschaulichen Geschichten formt, ist der Erinnerungsband leicht lesbar.

          An die Erziehung von einst hält sich das Vokabular. Obszönes und die Sphäre des Geschlechtlichen bleiben tabu. Die Erweiterung der Erinnerungen bis ins Jahr 1948 muss alle enttäuschen, die sich eine Darstellung der Nachkriegsjahrzehnte und der Neuorientierung ihres literarischen Werks erhofft haben mögen. Der Grundton ist Bitterkeit, verständlich aus der Not und den Verletzungen der ersten Nachkriegsjahre: Die in Tirol vom Mann, einem Münchner Bildhauer, getrennt lebende Mutter muss vier Kinder versorgen; als Österreicherin mit deutscher Staatsangehörigkeit droht ihr die Ausweisung. Dass sie sich als Schriftstellerin zunächst in den Schatten gedrängt fühlt, kann allerdings kein Grund sein, die im "Dritten Reich" exilierten Schriftsteller mit "Ausgewanderten" zu verwechseln. Schon von 1951 an wird Gertrud Fussenegger wieder mit Literaturpreisen bedacht. Solche Lichtung des Horizonts spiegelt sich am Ende der Erinnerungen allenfalls im Glück einer neuen Ehe und in der Erwartung eines fünften Kindes. Lesenswert bleibt dieses Buch durch seine Bekenntnisse, als Exempelgeschichte für die Verführung und die Irrtümer eines immer zur "Gläubigkeit" bereiten Menschen.

          WALTER HINCK

          Gertrud Fussenegger: "So gut ich es konnte". Erinnerungen 1912-1948. Verlag LangenMüller, München 2007. 494 S., geb., 24,20 [Euro].

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