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: Ich will nur freien Kopf

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An kritischen Stimmen wie jener Kurt Tucholskys hat es Stefan Zweig nie gefehlt: "Frau Steiner war aus Frankfurt am Main, nicht mehr furchtbar jung, ganz allein und schwarzhaarig; sie trug Abend für Abend ein anderes Kleid und saß still an ihrem Tisch und las feingebildete Bücher. Ich will sie ganz kurz beschreiben: Sie gehörte zum Publikum Stefan Zweigs.

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          An kritischen Stimmen wie jener Kurt Tucholskys hat es Stefan Zweig nie gefehlt: "Frau Steiner war aus Frankfurt am Main, nicht mehr furchtbar jung, ganz allein und schwarzhaarig; sie trug Abend für Abend ein anderes Kleid und saß still an ihrem Tisch und las feingebildete Bücher. Ich will sie ganz kurz beschreiben: Sie gehörte zum Publikum Stefan Zweigs. Alles gesagt? Alles gesagt."

          Vielen erschienen Zweigs Werke, vornehmlich Novellen und historische Biographien, als zu leicht, substanzlos und blumig, was seinem geradezu beispiellosen Erfolg beim zeitgenössischen Publikum keinen Abbruch tat. In den zwanziger und dreißiger Jahren gehörte er zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellern, dessen Werk in zahllosen Übersetzungen kursierte.

          Zum 125. Geburtstag des Autors liegen nun drei Publikationen vor, die zur Begegnung mit seiner Biographie einladen. 1881 als Sohn eines jüdischen Textilunternehmers in Wien geboren, verschrieb sich Stefan Zweig früh der Literatur. Abnabelungskämpfe von seiner Familie und materielle Sorgen blieben ihm erspart. Von Anfang an konnte er es sich leisten, mehrmals jährlich quer durch Europa zu reisen und ein Netzwerk an Kontakten und Freundschaften zu knüpfen, das sich ständig ausweitete. Seine Korrespondenz ist uferlos und erfasst fast alle Literaturgrößen jener Jahre. Nebenher wachsen sein Werk und sein Bekanntheitsgrad mit geradezu mechanischer Gleichmäßigkeit, nachdem er nach ersten tastenden Versuchen die ihm gemäße Form gefunden hat.

          Oliver Matuschek nähert sich Zweigs Biographie unter der Prämisse eines dreigeteilten Lebenslaufs. Er unterscheidet die Kindheit und literarischen Anfänge Zweigs in Wien, die mit dem Ersten Weltkrieg ihr Ende finden, von dem Leben des in Salzburg residierenden Erfolgsschriftstellers der Zwischenkriegszeit. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus, dessen Auswirkungen Zweig spätestens mit einer Hausdurchsuchung 1934 auch in Österreich zu spüren bekommt, beginnt die dritte Periode, die Zweig als rastlos Getriebenen zeigt, der seinem Leben schließlich 1942 im brasilianischen Exil ein vorzeitiges Ende setzt.

          So überzeugend diese Struktur auf der Makroebene ist, so wenig macht sie sich Matuschek für die Durchdringung seines Stoffes wirklich zunutze. Er referiert Zweigs Leben in getreu chronologischer Manier Jahr für Jahr, was seiner Biographie über weite Strecken ein diffuses und dabei monotones Erscheinungsbild verleiht. Sein Verfahren funktioniert nur dort, wo es Bruchstellen in Zweigs Leben gibt. Den Wandel vom Sympathisanten Deutschlands zum überzeugten Pazifisten während des Ersten Weltkriegs macht Matuschek etwa äußerst anschaulich. In den zwanziger Jahren aber, als ein ewiges Einerlei von Buchproduktion und Reisen Zweigs Leben bestimmt, verschwimmen die großen Linien zugunsten zusammenhangloser Details.

          Nach der Lektüre von Matuscheks äußerst sprödem Stil wirkt die schwungvolle Herangehensweise von Alberto Dines wie eine Wohltat. Dines kann schreiben, keine Frage, und er konzentriert sich im Gegensatz zu Matuschek auf wenige Leitlinien. Gibt dieser einen annähernd gleichmäßigen Überblick über das Leben Zweigs mit dem Schwerpunkt auf seinen Anfängen, so rückt Dines ganz entschieden dessen letzte Jahre ins Zentrum seiner Darstellung. Ihn interessieren zuvörderst die brasilianischen Erfahrungen Zweigs und die Beweggründe für seinen Selbstmord. Die Entwicklung des Pazifisten und Moralisten Zweig sowie dessen Bezugnahmen auf seine jüdische Herkunft sind weitere Leitthemen seiner Darstellung.

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