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: Ich war die Gefangene von Teheran

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Die ersten Stunden, die Marina Nemat im Evin-Gefängnis erlebt, sind Augenblicke der puren Gewalt. Das Geräusch von Gummislippern, die an leblosen Körpern über Steinböden schleifen; wütende Stimmen; das Knallen von Kabeln auf nackter Haut und Schreie - unter der Augenbinde kann die Iranerin nicht sehen, was um sie herum geschieht.

          Die ersten Stunden, die Marina Nemat im Evin-Gefängnis erlebt, sind Augenblicke der puren Gewalt. Das Geräusch von Gummislippern, die an leblosen Körpern über Steinböden schleifen; wütende Stimmen; das Knallen von Kabeln auf nackter Haut und Schreie - unter der Augenbinde kann die Iranerin nicht sehen, was um sie herum geschieht. Das Grauen kriecht in ihre Ohren, der Schock legt sich wie eine Bleiplatte auf ihre Seele und tötet alle Empfindungen ab. Ob das Evin-Gefängnis ein Ort sei, an dem alle menschlichen Gefühle erstickt werden, ohne dass man sich den Luxus leistet, dagegen anzukämpfen? So fragt sich Marina Nemat.

          Sie habe in der Schülerzeitung Artikel gegen die Regierung geschrieben und einen Streik ausgelöst, wirft ihr der Revolutionswächter im Verhör vor. Nun wolle er die Namen ihrer Komplizen wissen. Marina Nemat schweigt - es gibt nichts, das sie erzählen könnte. Aus Protest gegen die politische Indoktrinierung hatte die Schülerin den Mathematikunterricht verlassen, die anderen Mädchen schlossen sich ihr einfach an. Marina Nemat lauscht der Stimme ihres Peinigers, der ihr, der Christin, aus dem Koran vorliest. Dann wird sie geschlagen, bis sie die Besinnung verliert. Als sie erwacht, hat ein Schnellgericht ihr Todesurteil schon unterschrieben.

          Sechzehn Jahre ist Marina Nemat alt, als Revolutionswächter sie am Morgen des 15. Januar 1982 in der Wohnung ihrer Eltern verhaften und sie in das Evin-Gefängnis am Stadtrand von Teheran bringen. Zwei Jahre, zwei Monate und zwölf Tage bleibt die Iranerin in Haft. Sie wird gefoltert, vergewaltigt, gezwungen, zum Islam zu konvertieren und einen Wärter zu heiraten. Einzig ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und ihr Glaube boten ihr damals Halt, schreibt sie. Als sie nach Hause zurückkehrt, fragt niemand nach dem Martyrium, das sie durchlebte - wie so oft bei Opfern von Gewalt, bemühen sich auch Nemats Eltern und Freunde verzweifelt um Normalität. Marina Nemat verdrängt das Erlebte, bis das Schweigen zum Knebel ihres ganzen Lebens wird.

          Erst zwanzig Jahre später, im Exil in Kanada, als sich die Bilder ihrer Haft wieder in ihr Bewusstsein drängen, beginnt sie, ihre Erinnerungen niederzuschreiben. "Ich glaubte, wenn ich erst alles aufgeschrieben hätte, würde es mir besser gehen. Doch dem war nicht so. Ich war Zeugin und musste aussprechen, was ich erlebt habe", erinnert sie sich. Was als persönliche Aufarbeitung begann, wird für die Iranerin zur Mission. "Prisoner of Teheran" lautet der Originaltitel ihres Buches, "Ich bitte nicht um mein Leben", machte - etwas pathetisch - der Verlag Weltbild daraus. Doch anders als der ungeschickt gewählte Titel befürchten lässt, ist das Buch weit mehr als einer der therapeutisch anmutenden Selbsterfahrungsberichte aus weiblicher Feder, die sich seit einiger Zeit auf den Büchertischen großer Buchhandlungen stapeln: Marina Nemat gelingt eine Innenansicht der iranischen Gesellschaft der achtziger Jahre, die binnen kürzester Zeit von ihrer westlichen Orientierung in den religiösen Fanatismus abrutschte.

          Die Haft steht im Zentrum des Buches, gleichzeitig nimmt Nemat ihre Leser in das Teheran ihrer Kindheit und Jugend mit - seine lebendigen Cafés und pulsierenden Straßen gehören der Vergangenheit an. Sie beschreibt die Islamisierung der iranischen Gesellschaft, die den Alltag des Mädchens mit einem Teppich aus Verboten überzieht, welche schließlich zu ihrer Verhaftung führen. Sie erzählt von der Willkür und Doppelzüngigkeit der neuen religiösen Machthaber, die das Land in einen Albtraum stürzen. Ihre Erinnerungen sind die Beobachtungen eines jungen, lebenshungrigen Mädchens, das sich entschlossen weigert, seine Träume, Freiheiten und seinen christlichen Glauben dem neuen Regime zu opfern. Der nüchterne Ton, mit dem Marina Nemat zwanzig Jahre später von ihren Erlebnissen berichtet, ist der einer analytisch denkenden, durch das Erlebte politisierten Frau.

          Marina Nemat wurde im Jahr 1965 in einem christlichen Elternhaus in Teheran geboren, wenige Monate nachdem der iranische Premierminister Hassan Al Mansur von Anhängern Ajatollah Chomeinis getötet worden war. Schon unter Schah Muhammad Reza Pahlavi galt das am Fuße des Alborzgebirges liegende Evin-Gefängnis als grausame Haftanstalt - unter Chomeinis Regime entwickelte es sich zum Sinnbild für Folter und Tod.

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