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: Ich bin eine Primzahl

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So wahr ich hier stehe, ich werde eines Tages große Oper nach Iquitos bringen. Ich bin die Überkraft und die Überzahl. Ich bin die letzte Schlacht. Ich bin das Schauspiel im Wald." Brian Sweeney Fitzgerald, als Filmtitelheld "Fitzcarraldo" genannt, stößt diese Prophezeiung hervor. Niemand, der den abenteuerlichsten Film des deutschen Kinos gesehen hat, wird je seine Bilder vergessen.

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          So wahr ich hier stehe, ich werde eines Tages große Oper nach Iquitos bringen. Ich bin die Überkraft und die Überzahl. Ich bin die letzte Schlacht. Ich bin das Schauspiel im Wald." Brian Sweeney Fitzgerald, als Filmtitelheld "Fitzcarraldo" genannt, stößt diese Prophezeiung hervor. Niemand, der den abenteuerlichsten Film des deutschen Kinos gesehen hat, wird je seine Bilder vergessen. Als Werner Herzog 1979 mit den Dreharbeiten zu "Fitzcarraldo" beginnt, hat er schon acht Dokumentar- und vierzehn Spielfilme gedreht, er ist achtunddreißig Jahre und bereits auf dem Höhepunkt seiner schöpferischen Kraft. Der Film ist längst Geschichte, sein Hauptdarsteller Kinski tot, da offenbart Herzog mit mehr als zwei Jahrzehnten Verspätung sein Tagebuch, das er zwischen Juni 1979 und November 1981 im peruanischen Dschungel geführt hat. Und das er - aus ihm selbst verborgenen Gründen - vierundzwanzig Jahre nicht angerührt hat. Ob das Manuskript für die Druckfassung bearbeitet wurde, bleibt sein Geheimnis.

          Dies ist kein "Buch zum Film", es geht darin nur am Rande um die Dreharbeiten, selten um die Streitereien mit Kinski. Der kommt ohnehin spät ins Spiel, aber auch er spielt es - wie sein Alter ego Herzog - nur mit vollem Einsatz. Einmal treibt er es mit seinen Wutanfällen so weit, daß zwei Indianer dem Regisseur, der Kinskis Raserei bewußt an sich abperlen läßt, anbieten, den Schauspieler noch in der nämlichen Minute umzubringen. Herzog lehnt dankend ab, die Idee hatte er selbst schon. Schließlich weiß er, daß Kinski der beste Mann für die Rolle ist, mehr als nur ein Ersatz für den Amerikaner Jason Robards, der dem Druck der Umstände ebensowenig standhielt wie Mario Adorf, mit dem sich Herzog begeistert überwirft: "Adorf stellt unverschämte Forderungen, dieser eitle, dumme, hinterhältige Mensch, er muß aus dem Film entfernt werden."

          Nur sich selbst hätte er die Titelrolle noch zugetraut: den größenwahnsinnigen Kautschukbaron, der eine Oper im Urwald bauen will und die Indianer mit Platten von Caruso an sich bindet. Besser verstanden hat er sich nur mit Claudia Cardinale und Mick Jagger, aber auch der Rockmusiker reist vorzeitig ab, weil sich eine Tournee der "Rolling Stones" nicht verschieben läßt. Nein, an Selbstbewußtsein mangelt es Werner Herzog nicht; bei einem Abendessen in Lima notiert er etwa: "Wir waren zu elft, das heißt zu zehnt und ich. Ich war die Primzahl."

          Die Primzahl fühlt sich schrecklich allein, verlassen in den tropischen Nächten, wenn das Leben im Camp zum Erliegen kommt und die Schwärze der Nacht nur von Geräuschen aus dem Urwald zerschnitten wird. Seine Mutter liegt im heimatlichen München auf dem Operationstisch, die Familie erreicht er selten, das Telexgerät funktioniert kaum je. Wenn Nachrichten kommen, tun sie es als Gerüchte, wie jenes vom Attentat auf Ronald Reagan. Bücher hat der Regisseur auch dabei, Ferdinand Gregorovius, Bruce Chatwin, Joseph Roth, Livius über den Zweiten Punischen Krieg. Sie helfen ihm nicht wirklich weiter. So steigen Erinnerungen hoch an Szenen der Kindheit im oberbayerischen Sachrang, Träume schieben sich dazwischen, die den gleichen Realitätsgrad haben wie die Gegenwart am Oberlauf des Amazonas.

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