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: Ich aber sage euch: Die Kirche ist bis eben jetzt im dunkeln herumgetappt

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"Das Christentum" lautet der vollkommen bescheidene Titel eines 591 Seiten starken Prachtbandes aus der alleinigen Feder des bekannten katholischen Religionspädagogen Hubertus Halbfas. Das Werk ist in Sachkapitel gegliedert, die jeweils die Geschichte eines Themas im Laufe der Kirchenhistorie beschreiben. Also ...

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          "Das Christentum" lautet der vollkommen bescheidene Titel eines 591 Seiten starken Prachtbandes aus der alleinigen Feder des bekannten katholischen Religionspädagogen Hubertus Halbfas. Das Werk ist in Sachkapitel gegliedert, die jeweils die Geschichte eines Themas im Laufe der Kirchenhistorie beschreiben. Also nach den "Anfängen" dann etwa "Kirche und Staat", "Juden", "Krieg", "Ketzer", "Frauen" und neun andere Themen. Dazu gibt es thematische Exkurse. Da Halbfas didaktisch begabt ist, hat er den Band reich bebildert, oft mehrfarbig, häufig mit Fotos und Zeugnissen moderner Kunst. Der Text wird unterteilt durch eine Kette von Originalzitaten. Ein Drittel jeder Seite nehmen zusätzliche Zitate am Rande ein. So ist das Gesamtwerk ein Text- und Bilderbuch zur Kirchengeschichte, ergänzt um die Reminiszenzen und Aktualisierungen dieses Religionslehrers. Nebenbei bemerkt: Die Herstellungskosten des Werkes müssen immens gewesen sein, und so scheint denn der Verlag damit zu rechnen, daß dieses Werk zum Standardwerk des Religionsunterrichtes und tendenziell zum einzigen Buch in diesem Fach wird.

          Um so wichtiger ist es zu wissen, was die Botschaft dieses Buches ist, also seine sehr spezielle Tendenz. Da der Verfasser das nicht zu erkennen gibt und der Laie meinen könnte, die Botschaft sei eben "das Christentum", sieht sich der Rezensent veranlaßt, den Beipackzettel zu schreiben. Die Adressaten sind (siehe die Abbildungen) sinnfreudige Religionslehrer und -lehrerinnen. Soweit das Positive. Wenn der Eindruck nicht täuscht, wird deren "intendiertes Alter" auf "kurz über 70" anzusetzen sein, also dem des Autors entsprechend, Menschen demnach, die in der Mitte ihres Lebens "das Konzil" erlebt haben, Menschen, denen Seite um Seite eingehämmert werden muß, was sie vielleicht noch nicht mitbekommen haben, was "correctness" ist in unserem Land, also daß kirchliche Hierarchie schädlich ist und Feminismus samt Frauenpriestertum (man sagt jetzt "Presbyterin") wünschenswert, und natürlich ist Transsubstantiation "out", statt dessen wird sogar Otto Kuss mit seinem Spätwerk bemüht, wonach moderne Katholiken sich in dieser haarigen Sache an Calvin hielten.

          John Henry Newman gibt es nicht, der "Kulturphilosoph" Josef Nolte wird statt dessen mehrfach zitiert. Apokalyptik gibt es nicht, aber in das Kapitel Kirche und Staat hätte sie schon hineingehört, etwa Apk. 13, wonach die römische Obrigkeit vom Teufel ist, und dies in Kontrast zu Röm. 13, wonach Gott sie eingesetzt hat. Und natürlich ist Halbfas gegen den Zölibat, er erklärt sogar, das Kirchenvolk nehme den Zölibatsbruch hin. Aber gewiß ist er für Albert Schweitzer und Martin Luther King. Und wen wundert es, daß die tapfere Missionarin und Märtyrerin Thekla bei Halbfas unterderhand zu Apostolin wird. Keine Quelle nennt sie so, aber es ist absolut trendy, so die nächste Generation Religionsunterricht zu beeinflussen. Und gewiß ist es richtig, gegen Diskriminierung von Juden, Frauen und Hexen zu eifern und dazu gegen Kriegspredigten von Feldbischöfen.

          Doch ich melde gehorsam, daß ich das alles seit vierzig Jahren verstanden habe. Und daß man es jede Woche im Fernsehen sieht und hört. Tragischerweise war es wohl auch das, weshalb meine Kinder klagten: "Reli ist soo langweilig." Viele Kinder haben sich daraufhin vom Religionsunterricht ab- und für "Philosophie" angemeldet, denn dort wurden Themen wie Sünde und Gnade, Schöpfung und Kreuz erörtert. Wenn das Buch gut ankommt, wird sich diese Art Religionsunterricht noch jahrzehntelang fortsetzen. Verglichen mit den gewaltigen Themen von Schöpfung und Erlösung, läuft das Buch von Halbfas auf der moralisierenden Betroffenheitsschiene. Denn das kann man kirchenpolitisch ausschlachten. Vom Sühnetod Jesu habe ich gar nichts gefunden. Saftige Kirchenpolitik wird auch betrieben, wenn Jesu letztes Mahl stets von Jesu "offenen Tischgemeinschaften" her gesehen wird. Doch bei den offenen missionarischen Mahlzeiten gab es weder Deuteworte, noch den Zwölferkreis, noch wurde der Neue Bund geschlossen und wesentlich damit Kirche als Institution gegründet.

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