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Ian Morris: Wer regiert die Welt? : Die Zukunft liegt bei den Rückständigen

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Nach den Berechnungen von Morris ging der Westen in Führung, als den Wildbeutern im Fruchtbaren Halbmond, der vom heutigen Israel über Syrien und die Südflanke der Türkei nach Persien reicht, zwei Jahrtausende früher als zwischen Jangtse und Gelbem Fluss die Zähmung von Tieren und die Verwandlung von Wildgräsern in Getreide gelang. Diesen Vorsprung konnte der Westen über acht Jahrtausende bis in die ersten Jahrhunderte nach Christus retten. Mit dem Zerfall des Römischen Reichs zog China dann vorbei und blieb etwas länger als ein Jahrtausend führend, bis es dann im Gefolge der von England ausgehenden industriellen Revolution wieder vom Westen überholt wurde.

Übermittlung von Wissen

Die Überlegenheit des Westens war im späten 19., frühen 20. Jahrhundert dann so groß, dass er dem Osten seinen Willen aufdrängen und ihn ein ums andere Mal demütigen konnte. Während Japan aufgrund seiner Insellage und günstiger politischer Konstellationen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum westlichen Entwicklungsstand aufschließen konnte, begann die chinesische Aufholjagd nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs und der Ära maoistischer Gesellschaftsexperimente erst am Ende des 20. Jahrhunderts, dafür aber mit umso größerer Kraft und Wucht.

Das ist in groben Zügen die Antwort von Morris auf die Frage, wer die Welt beherrscht. Was die letzten Jahrhunderte anbetrifft, dürfte dies dem intuitiven Vorverständnis der meisten Leser entsprechen. Wie aber lässt sich eine solche Entwicklung messen, und welche Faktoren liegen einer vergleichenden Messung zugrunde? Morris hat dafür eine Indextabelle entwickelt, in die nach einer komplizierten Gewichtung vier Faktoren eingegangen sind: die nach dem Grad der technologischen Entwicklung jeweils mögliche Energieausbeute, das Niveau der gesellschaftlichen Organisation, das von Morris an der Urbanisierung beziehungsweise der Einwohnerzahl der größten Städte gemessen wird, weiterhin die Fähigkeiten der Kriegführung, bei denen Morris Vernichtungskraft und militärische Organisation miteinander kombiniert, sowie schließlich die Informationstechniken, die über die Speicherung und Übermittlung von Wissen entscheiden.

Ein gravierender Rückschlag

Morris hat dieses Indexmodell ausführlich begründet und ist in einem Anhang auch auf mögliche Einwände eingegangen. Dabei ist weniger die Auswahl der vier Faktoren als vielmehr die Möglichkeit der Messung und ihres transhistorischen Vergleichs das Problem: Die Kampfkraft einer römischen Legion lässt sich nur spekulativ zu der eines modernen Jagdbombers in Beziehung setzen. Tatsächlich sind in der Darstellung von Morris aber weder Urbanisierungsgrad noch die Fähigkeiten der Kriegführung ausschlaggebend, sondern dies ist letztlich die Energieausbeute. An ihr hängt alles andere, und wenn sie zurückgeht, kommt es auch zum Niedergang oder Zusammenbruch einer Zivilisation.

So treffen wir allem methodischen und statistischen Aufwand zum Trotz zuletzt auf eine eher einfach gestrickte Theorie der Zivilisationsgeschichte. Sie wird jedoch dort spannend, wo Morris das Theorem des „ökologischen Engpasses“ einführt, wo also die Dynamik der Zivilisationsentwicklung zu einem Energiebedarf führt, der mit den verfügbaren Technologien nicht mehr gedeckt werden kann.

Die Folge dessen ist nicht Stillstand, sondern ein gravierender Rückschlag, bei dem nicht nur die Indexwerte purzeln, sondern auch ganze Zivilisationen zusammenbrechen und es Jahrhunderte dauert, bis eine neue Formation wieder dasselbe Niveau auf der Entwicklungsskala erreicht hat. Dieses Scheitern am eigenen Erfolg führt in Verbindung mit den „Vorteilen der Rückständigkeit“ zu einem Auf und Ab der beherrschenden Zivilisationen, das sich ebenso spannend wie instruktiv erzählen lässt. Man muss die Annahmen von Morris keineswegs alle teilen, um sein Buch mit großem Gewinn lesen zu können.

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