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Brennstoff der Gesellschaft : Wie entstehen menschliche Werte?

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Ian Morris zeigt, dass Ölplattformen mehr mit unseren Wertvorstellungen zu tun haben, als man annehmen würde. Bild: dpa

Evolution als unsichtbare Hand: Ian Morris betrachtet in seinem neuen Buch die Entwicklung menschlicher Gesellschaften von sehr weit oben. Dabei lässt er nur zwei große geschichtliche Umwälzungen gelten.

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          Wer munitioniert durch Biologie und Ökologie den Blick auf die gesamte Geschichte der Menschheit als Teil von Erde und Kosmos richtet, nimmt für sich gern einen Realismus der Quantifizierung in Anspruch. Ian Morris hat vor zehn Jahren mit seinem Buch „Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden“ diese Eigenart von „Big History“ auch hierzulande einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Doch solange die jeweils zur Verfügung stehende Energie, gemessen in Kilokalorien pro Kopf, als maßgebliche Größe für die Einteilung der Weltgeschichte und den Wettbewerb von Zivilisationen ausgewiesen wurde, konnten die akademischen Lordsiegelbewahrer der Ideen, Diskurse und Werte solche Bemühungen als platten Materialismus abtun. Ihr Achselzucken scheint dem in der fächerübergreifenden Denkfabrik von Stanford wirkenden Archäologen Morris keine Ruhe gelassen zu haben.

          Durchaus in der Linie älterer Konzepte lässt der Autor nur zwei wirklich bedeutsame Umwälzungen in der Menschheitsgeschichte gelten: Stationäre Agrargesellschaften lösten vor etwa zehntausend Jahren die mobilen Wildbeuter ab, und trotz allen Innovationen, die zumal die handels- und seeorientierten Stadtstaaten der Antike und des Mittelalters oder die frühneuzeitlichen Holländer in Teilen so modern erscheinen lassen, konnte der Wachstumsdeckel von Ackerbau und Viehwirtschaft erst weggesprengt werden, als fossile Brennstoffe die zur Verfügung stehende Energie von acht- bis maximal dreißigtausend Kilokalorien pro Kopf und Tag auf sechsstellige Größen emportrieben.

          Ian Morris: „Beute, Ernte, Öl“. Wie Energiequellen Gesellschaften formen. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020. 432 S., geb., 26,– €.

          Doch Morris erklärt nun auch provokativ die Wertsysteme der jeweiligen Gesellschaften aus ihren durch die verfügbare Energie bestimmten Lebensbedingungen. Demnach entwickelten Jäger und Sammler relativ egalitäre Strukturen, ließen wenig Ungleichheit zu, waren aber auch sehr gewalttätig. Dagegen dämmten Agrargesellschaften die Gewalt ein und pflegten steile Hierarchien, von der Sklaverei über die Dominanz des Mannes im Haus bis zum Gottkönig. Fossilenergiegesellschaften schließlich seien im Geschlechterverhältnis wie in der Politik tendenziell ausgesprochen egalitär und zugleich viel weniger gewalttätig als frühere Formationen. Was sich hier sehr holzschnittartig liest, unterfüttert der Autor überzeugend mit einer Fülle von Berechnungen und Forschungsergebnissen verschiedener Disziplinen. Zudem entwickelt er seine Thesen durchweg fragend-tentativ, nie dogmatisch, und legt seine Erklärungen in einer klaren, gut lesbaren Prosa dar.

          Hierarchien erzeugen Kopfschütteln

          Als unsichtbare Hand wirkt in seinem Modell die Evolution; sie bringt auf der Ebene der Gene, der Individuen, der Familien und der Großgruppen beständig Variationen hervor, die sich je nach ihrem Erfolg durchsetzen oder eben nicht, wobei die kulturelle Auslese prinzipiell ähnlich wirkt wie die natürliche – wenn auch im Bereich der Kultur selbstverständlich immer Gründe zu finden waren und sind, die Altes neben dem besser Angepassten überleben lassen. Wie Morris dabei etwa die Eifersucht als eine evolutionäre Anpassung plausibel macht, das ist schon ein Kabinettstückchen. Die Frage, ob bestimmte Figurationen und Entwicklungsschritte auf Zwang oder freiem Willen beruhten, spielt in diesem Modell keine Rolle. Morris hat in einer Welt, die kaum mehr Wildbeuter und Agrarökonomien fast nur noch in einem fossilenergetischen Setting kennt, die Fakten auf seiner Seite.

          Auf die fünf Kapitel folgen vier kürzere oder längere Einreden gegen Morris’ Thesen sowie eine ausführliche abschließende Replik darauf. Viel ungeduldiger als gegen den immer möglichen Einwand von Historikern, bei genauerem Hinsehen und aus geringerer Flughöhe ergäben sich Differenzierungen oder sogar möglicherweise falsifizierende Befunde, reagiert der Autor auf die moralphilosophische Kritik, die ihre Gleichheits- und Gerechtigkeitspostulate als „wahre moralische Werte“ essentialisiere. Wer Geschichte in der Schule oder an der Universität zu vermitteln sucht, kennt das Problem: Hierarchien jeglicher Art erzeugen überwiegend Kopfschütteln, ja Abscheu. Und in der Tat waren weder gottgleiche Könige noch männliche Überlegenheit oder geborene Sklaven jemals „real“ oder gar „natürlich“, jedoch auch keine bloße Ideologie der Herrschenden: Weil diese drei Vorstellungen in der bäuerlichen Gesellschaft funktionierten, das heißt zum Gedeihen einer möglichst großen Zahl von Menschen beitrugen, „riet der gesunde Menschenverstand den Menschen, an sie zu glauben und ihre Werte entsprechend anzupassen“.

          Es droht die Katastrophe

          Die alte historistische Verteidigungslinie, jede Epoche müsse nach ihren eigenen Maßstäben, nicht den unseren beurteilt werden, findet hier Verstärkung durch gänzlich unerwartete Truppen. Auf die Vorhaltung schließlich, nicht die Fossilenergie, sondern der Kapitalismus habe die Wachstumsexplosion seit 1800 ausgelöst, reagiert Morris, indem er auf nicht-kapitalistische (und nichtfreiheitliche) Modernisierungsregime seit 1917 mit teils beachtlichen Wachstumsraten verweist.

          Aus der entschiedenen Vogelperspektive der „Big History“ kann die Menschheit freilich eine endliche Phase in der Geschichte der Erde darstellen. In Morris’ Zählung gab es im Laufe der letzten zweitausend Jahre fünf Agrargesellschaften, die experimentierend an die Grenze des in dieser Wirtschaftsform Möglichen stießen, neben den griechischen Stadtstaaten auch das Mittelmeerreich der Römer, doch nur in Nordwesteuropa gelang um 1800 der Durchbruch, als die fossile Energie entfesselt wurde. „Heute gibt es dagegen nur noch ein einziges globales Experiment, und wenn dieses scheitert, droht uns allen die Katastrophe.“

          Trotz dieses Satzes werden Klima-Erregte aus der kühlen Rationalität des Buches nur wenig Honig saugen können, und postapokalyptische Szenarien auszumalen, überlässt Morris lieber der Literatur, darunter Margaret Atwood, die unter dem Titel „Wenn die Lichter ausgehen“ einen der Kommentare beigesteuert hat. Seine eigenen Bemerkungen über eine mögliche dystopische Zukunft erweisen eher evolutionären Optimismus: Nützliche Fähigkeiten überleben, unnütze verschwinden, die Menschen verlassen sich auf ihren gesunden Menschenverstand und passen sich und ihre Werte der chaotischen neuen Wirklichkeit an. Kurzum: auch das richtige Buch für lange Covid-19-Abende.

          Ian Morris: „Beute, Ernte, Öl“. Wie Energiequellen Gesellschaften formen. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020. 432 S., geb., 26,– €.

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