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Mächtige Politiker : Ohne diese Persönlichkeiten wäre die Geschichte anders verlaufen

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Für Kershaw die bedeutendste Gestalt der zweiten Hälfte des Jahrhunderts: Michail Gorbatschow Bild: AFP

Mit Zielstrebigkeit, Charisma, Geschick und Fortüne an die Macht: Ian Kershaw porträtiert politische Figuren, die Europa im vorigen Jahrhundert prägten.

          3 Min.

          Der britische Historiker Ian Kershaw hat wichtige Bücher zur neueren Geschichte geschrieben. Seine zweibändige Hitler-Biographie und die ebenfalls zwei Bände umfassende Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts („Höllensturz“ und „Achterbahn“) sind Standardwerke. Seine profunden Kenntnisse der Quellen und der Forschungsliteratur hat Kershaw in dem Buch „Wendepunkte“ für den Zweiten Weltkrieg ausgewertet, jetzt ist mit „Der Mensch und die Macht. Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert“ eine Art Summa oder Konzentrat seines Lebenswerkes erschienen.

          Zwölf Persönlichkeiten sind es, denen Kershaw biographische Porträts widmet, von Lenin und Stalin bis Gorbatschow und Helmut Kohl, nur eine Frau ist dabei, Margaret Thatcher. Es ist selbstverständlich, dass auf jeweils etwa vierzig Seiten nicht auf biographische Details eingegangen werden kann, aber es sind, wie von Kershaw nicht anders zu erwarten, solide, teils aus den Quellen, teils aus der uferlosen Sekundärliteratur gearbeitete Kurzporträts. Die Auswahl ist gut begründet: Es geht um europäische Geschichte, also um führende europäische Politiker des zwanzigsten Jahrhunderts (neben den schon erwähnten Mussolini, Hitler, Churchill, Tito, de Gaulle, Adenauer, Franco). Die Liste umfasst also blutige Diktatoren wie demokratisch gewählte Führer.

          Niederlage und Untergang

          Die biographischen Skizzen sind alle gleich aufgebaut, sie führen von den Vorbedingungen des Machterwerbs über die politische Leistung bis zur Hinterlassenschaft. Man mag im einen oder anderen Fall zu etwas anderen Wertungen als Kershaw kommen – Gorbatschow hält er für die bedeutendste Gestalt der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, er beurteilt ihn uneingeschränkt positiv –, aber generell sind seine Einschätzungen gut begründet und treffend. Worum es Kershaw eigentlich geht, ist das Zusammenspiel von Person und äußeren Umständen: Er führt das berühmte Marx-Zitat von den Menschen an, die ihre Geschichte „nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen (...) Umständen“ machten. Die Biographie wird damit zum „Kreuzungspunkt“, in dem Strukturen und Personen miteinander verwoben sind (Dilthey). Ohne eine Kategorie wie „Größe“ zu bemühen, ist der Ausgangspunkt doch jeweils, dass die behandelten Persönlichkeiten den historischen Ereignissen ihren Stempel aufprägten und die Geschichte ohne sie wahrscheinlich anders verlaufen wäre.

          Ian Kershaw: „Der Mensch und die Macht“. Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert.
          Ian Kershaw: „Der Mensch und die Macht“. Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert. : Bild: Deutsche Verlags-Anstalt

          Um Aufstieg und Erfolg oder Niederlage und Untergang dieser Führer zu ergründen, stellt Kershaw als verallgemeinernde „Annahmen“ sieben historisch-politologische Forschungshypothesen auf. Einige davon sind leicht einzusehen („In Kriegen unterliegen sogar mächtige politische Führer den überwältigenden Zwängen der Militärmacht“), manche grenzen auch ans Triviale („Eine demokratische Regierungsform legt dem Einzelnen hinsichtlich seiner Handlungsfreiheit ... die engsten Zügel an“).

          Mischung von Biographie und Strukturgeschichte

          Das alles steht unter der gleichfalls wenig erstaunlichen Generalthese, dass die „Bedingungen, unter denen ein bestimmter Persönlichkeitstyp als politischer Führer erfolgreich sein kann“ derart variieren, „dass Verallgemeinerungen schwerfallen“. Damit ist schon angedeutet, was in der Schlussbetrachtung als Ergebnis zusammengefasst wird: Ja, Persönlichkeiten spielen eine Rolle, ihre Zielstrebigkeit, ihr Charisma, ihr Geschick, ihre Fortüne, aber auch ihre Brutalität und Ruchlosigkeit im Fall der Diktatoren. Verallgemeinern lässt sich dabei wenig, weil die historischen Konstellationen und Bedingungen zu verschieden sind.

          Kershaws Buch ist nicht eigentlich biographisch angelegt, dazu sind seine Porträts zu skizzenhaft. Und zünftige Historiker hätten sich vielleicht eine ausführlichere Darstellung der Zeitläufte gewünscht. Aber es ist gerade eine Stärke des Buches, dass es einen einheitlichen Duktus hat und die konsequent angewandten Schemata und Fragestellungen das Vergleichen möglich machen. Umso klarer tritt hervor, dass die Umstände wie die Persönlichkeiten jeweils so unterschiedlich waren, dass sich daraus letztlich keine „Theorie“ destillieren lässt. Dem historisch interessierten Laien werden allerdings gerade in der Mischung von Biographie und Strukturgeschichte aufschlussreiche Ausschnitte aus einem Panorama des zwanzigsten Jahrhunderts vor Augen geführt.

          Ian Kershaw: „Der Mensch und die Macht“. Über Erbauer und Zerstörer Europas im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2022. 592 S., Abb., geb., 36,– €.

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