https://www.faz.net/-gr3-qzwp

: Hyperions zweiter Frühling

  • Aktualisiert am

In der Mathematik spricht man von einer kombinatorischen Explosion, wenn eine geringe Anzahl von Objekten in einer schier unendlichen Menge von Arten miteinander kombiniert werden kann. In den Geisteswissenschaften, die sich derzeit in einem ihrer notorischen Modernisierungsprozesse befinden, wird ...

          4 Min.

          In der Mathematik spricht man von einer kombinatorischen Explosion, wenn eine geringe Anzahl von Objekten in einer schier unendlichen Menge von Arten miteinander kombiniert werden kann. In den Geisteswissenschaften, die sich derzeit in einem ihrer notorischen Modernisierungsprozesse befinden, wird dieser Effekt erzielt, indem insbesondere die Literatur mit möglichst vielen und immer entlegeneren Wissensbereichen gekreuzt wird - hier wird der Effekt Kulturwissenschaft genannt. Dem liegt der Wunsch zugrunde, "Konstellationen und Geschichte medienbestimmter Kulturzusammenhänge" zu erforschen, wie Jörg Schönert die fachliche Entgrenzung in den neunziger Jahren definiert hat, die damit auch dem Umstand Rechnung trägt, daß das Erkenntnispotential herkömmlicher Textanalyse bei bestimmten Beständen des Kanons nahezu ausgereizt zu sein scheint. Ob die Kunst der Interpretation je ihren Gegenstand erschöpfen kann, sei dahingestellt; richtig ist, daß die angesagte Konstellationsforschung die philologische Materie aufwirbelt und durch ihre multiple Perspektive zu neuem Mut für die Arbeit am Text und seiner Umgebung verhilft.

          Mustergültig zu beobachten ist dies nun am Beispiel der Berliner Habilitationsschrift zu Friedrich Hölderlin aus der Feder von Alexander Honold, der inzwischen nach Basel berufen wurde. Um die Präsenz der Zeitlichkeit in Hölderlins Werk chronologisch von den frühen Gedichten über den "Hyperion"-Roman und die Empedokles-Tragödie bis hin zu den späten Hymnen herauszuarbeiten, setzt Honold es in Beziehung zum Medium der Temporalität schlechthin, dem Kalender. Der machte zu Hölderlins Lebzeiten gleich doppelt Furore: zum einen in Form der erfolgreichen Musenalmanache, die neben dem Nützlichen auch das Schöne regelmäßig unters Volk brachten, zum anderen aufgrund seiner ideologischen Umgestaltung durch die französischen Revolutionäre, die meinten, das ancien régime auch mit einer neuen, an den Zyklen der Landbevölkerung orientierten Zeitrechnung überwinden zu müssen.

          Inwiefern dieser zeitgeschichtliche Horizont auch für Hölderlin persönlich relevant gewesen sein mag, kann indes nur über Umwege erschlossen werden. Die Feststellung, daß Hölderlin als Lieferant für Schillers Almanach mit seiner literarischen Produktion bisweilen unter starken Termindruck geriet und daher von strukturellen Affinitäten zwischen Text und Medium auszugehen sei, wird die Hölderlin-Philologie vermutlich noch nicht unmittelbar elektrisieren, auch wenn es eine bewegende Vorstellung ist, daß selbst Parzen eine Deadline nicht überschreiten dürfen, Ode hin oder her.

          Schlagkräftiger wird die rekonstruierte Beziehung zwischen Dichter und Kalender, sobald ihre jeweiligen Organisationsmodelle auf einer allgemeineren Ebene ineinandergeblendet werden: So wie der Kalender individuelles und kollektives Verhalten "miteinander synchronisiert", verknüpft auch der Erzähler Lebens- und Weltenlauf; und so wie der Kalender Zyklen einteilt, formt auch das Gedicht die Zeit zu seinem existentiellen Metrum in begrenzt willkürlicher Regelhaftigkeit. Aus diesen Analogien leitet Honold eine Rivalität zwischen den beiden Instanzen her, die aus der Poesie mit ihrem Anspruch auf Eigenzeitlichkeit immer auch ein Politikum macht.

          Weitere Themen

          Ahmet Altan abermals verhaftet

          Eine Woche nach Freilassung : Ahmet Altan abermals verhaftet

          Gerade erst war der türkische Journalist Ahmet Altan aus dem Gefängnis entlassen worden. Seit Mittwoch sitzt er wieder hinter Gittern. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kritisiert die Verhaftung scharf.

          Kinostart von Polanskis neuem Film wird gestört Video-Seite öffnen

          Proteste und Aufruhr : Kinostart von Polanskis neuem Film wird gestört

          Frauen-Aktivisten rufen beim Pariser Kinostart von Roman Polanskis neuem Film „J’accuse“ über die Dreyfus-Affäre zum Boykott auf. Vergangene Woche beschuldigte das französische Ex-Model Valentine Monnier den Oscar-Preisträger, sie 1975 vergewaltigt zu haben.

          Topmeldungen

          Günther Oettinger

          F.A.Z. exklusiv : Oettinger will an die VDA-Spitze

          Wer wird den wichtigen Verband der Automobilindustrie künftig anführen? Nachdem Sigmar Gabriel aus dem Rennen ist, läuft derzeit ein Zweikampf. Beide Kandidaten gehören der CDU an.
          Baukräne stehen auf einem Baugrundstück neben neugebauten Wohnhäusern in Köln.

          Pläne der KfW : Wer baut, bekommt Geld geschenkt

          Die Staatsbank will erstmals Kredite mit Negativzinsen vergeben. Profitieren sollen Privatleute, Mittelstand und Kommunen. Bis die Negativzinsen beim Endkunden ankommen, könnte es allerdings noch dauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.