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Hyman Minsky: Instabilität und Kapitalismus : Die Börse ist mehr als nur ein Barometer

Bild: Verlag

Ein Ökonom, den die Finanzkrise durchaus nicht überrascht hätte: Zwei Aufsätze zeigen den 1996 verstorbenen Hyman Minsky auf der Höhe der Zeit.

          3 Min.

          Leider ist Hyman Minsky immer noch angesagt. Dass Bücher und Aufsätze des verstorbenen amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers übersetzt und neu aufgelegt werden, lässt auf die Fortdauer der Krise schließen. Ungefähr so, wie ein größeres Angebot an Fieberthermometern sicherlich darauf hinweisen würde, dass mehr Menschen glauben, sie seien krank. Aber es vielleicht gar nicht sind.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Vielleicht aber doch. Der Beweis fällt schwer, wenn man nur die Fieberthermometer sieht, die Menschen jedoch nicht. Erst recht, wenn die Thermometer nur deswegen auf den Markt gekommen sein könnten, weil die Menschen glauben, sie würden sie vermutlich brauchen, wenn sie in Zukunft einmal krank geworden sein werden.

          Ein Schock von außen ist nicht erforderlich

          Deshalb ist Minsky immer noch angesagt. Er hat zeitlebens Finanzmärkte erforscht. Insbesondere hat ihn beschäftigt, wie Finanzmärkte auf die Gesamtwirtschaft wirken und umgekehrt - das zentrale Thema, das infolge der Finanzkrise nicht nur die Finanzfachwelt beschäftigt.

          Unter dem Titel „Instabilität und Kapitalismus“ sind nun zwei Aufsätze von Minsky erschienen. Der erste, über „Die Hypothese der finanziellen Instabilität“, beginnt gleich mit einem starken Satz. „Finanzielle Instabilität und Finanzkrisen sind Gegebenheiten des Wirtschaftslebens“, schreibt er da. Das klingt (heutzutage) fürchterlich selbstverständlich, enthält aber bereits den zentralen Punkt, auf den Minsky hinauswill: Es braucht keinen Schock von außen, um eine Wirtschaft aus einem angenommenen Gleichgewichtszustand zu bringen. Einer Marktwirtschaft mit entwickeltem Finanzsektor ist die Möglichkeit einer schweren Krise inhärent.

          Banken und Börsen sagen, wo es langgeht

          Damit unterscheidet sich Minsky von der mehrheitlichen Richtung insbesondere der angelsächsischen Wirtschaftslehre, die zumal in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vereinfacht gesagt davon ausging, dass Märkte automatisch das richtige Ergebnis liefern, wenn man sie nur lässt. Ihren Anhängern warf Minsky vor, unbotmäßig zu vereinfachen.

          „Wenn die Vertreter der Mainstream-Theorie die Probleme einer kapitalistischen Wirtschaft untersuchen wollen, müssen sie ihre bisherige Vorgehensweise, das Entwerfen idyllischer Ökonomien, aufgeben und beginnen, Ökonomien abzubilden, in denen eine Wall Street existiert.“ Damit wollte er weder Banken noch Börsen verteufeln, sondern lediglich betonen, dass beide nicht nur Nebendarsteller sind, sondern gerne einmal in die Hauptrollen wechseln und sagen, wo’s langgeht.

          Es ist gerade nicht so, dass an den Börsen nur vorvollzogen wird, was die Anlegerschwarmintelligenz für die sogenannte Realwirtschaft erwartet. Ein Aktienkurseinbruch kann zum Beispiel auch erst dazu führen, dass Unternehmen überlegen, ob sie geplante Investitionen tatsächlich durchführen oder lieber aufschieben. Die Wirtschaftsaktivität verlangsamt sich also, weil die Börse lahmt. Man konnte genau das im Sommer in den Vereinigten Staaten verfolgen.

          Mit Sorglosigkeit zur Verschuldung

          Hyman Minsky war auch ein vehementer Warner, nämlich vor zu vielen Schulden. Und vor zu komplizierten Schulden. Er unterschied dabei drei Arten von Wirtschaftseinheiten. Die einen, die immer genug Geld verdienen, um Zinsen zahlen und aufgenommene Kredite tilgen zu können. Die nächsten, denen die Einnahmen immerhin immer reichen für die Zinszahlungen, die sich aber zuweilen einmal neues Geld leihen müssen, um fällig werdende Kredite zu tilgen. Und die dritten, die geliehenes Geld hauptsächlich zurückzahlen, indem sie neues leihen. Je mehr Wirtschaftseinheiten des zweiten und vor allem des dritten Typs es gebe, so Minsky, desto störanfälliger sei ein Finanzsystem. Über die aktuelle Staatsfinanzenkrise in Europa hätte er sich sicherlich nicht gewundert. Er hätte, um im Fieberthermometer-Bild zu bleiben, vielmehr herausgestellt, dass wirklich eine Krankheit vorliegt und es nicht hilft, einfach das Thermometer wegzuwerfen, nämlich Rating-Agenturen und Finanzmärkte anzuklagen.

          Und auch die durch Verpackung, Verbriefung und Vertrieb kurioser Wertpapiere in den Vereinigten Staaten ausgebrochene Finanzkrise hätte ihn vermutlich nicht überrascht. Wenn es der Wirtschaft über einen längeren Zeitraum relativ gut geht, dann steige, hat er beobachtet, infolge zunehmender Sorglosigkeit nicht nur die Höhe der Verschuldung, sondern werde auch das Instrumentarium, mit dem sie ermöglicht wird, immer innovativer. Seine Diagnosen haben an Aktualität nichts eingebüßt. Und glücklicherweise ist Hyman Minsky immer noch angesagt.

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