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Human-Animal-Studies : Den Blick auf das Tier brechen

Das nackte Leben: ein Huhn im Elend der Massentierhaltung Bild: dapd

Lieber ein Kätzchen im Arm als eine Ratte: Die Animal Studies widmen sich der Beziehung zwischen Mensch und Tier.

          Zu den fragwürdigen Routinen des Lebens gehört die stille Hinnahme tierischen Leids. Max Horkheimer sprach von der „Tierhölle“ im Keller der menschlichen Gesellschaft. Steven Pinker konnte seine These vom Rückgang der Gewalt in der Weltgeschichte schreiben, ohne dem unverminderten Leid der Tiere, den Schlachthöfen, Versuchslaboren und Pelzfarmen, eine Zeile zu widmen. Wie kommt es zu dieser Arbeitsteilung des Bewusstseins, dass man Lebewesen eben noch niedlich und wenig später ungerührt auf der Speisekarte findet? Es hat mit einer langen Blickprägung zu tun, lautet die Antwort der Animal Studies, einer relativ jungen Forschungsrichtung, die angetreten ist, dieses Blickregime zu brechen. Dem Mensch dient das Tier zur Selbstvergewisserung nach unten. Er braucht es, um positive Auskunft über sich selbst zu bekommen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihre Wurzeln haben die Animal Studies oder Human-Animal Studies (auch der Mensch fällt hier ins Reich des Animalischen) in den Vereinigten Staaten, von dort setzen sie seit einigen Jahren zum Sprung nach Europa an. Unter dem Dach des interdisziplinären Ansatzes versammeln sich in der Mehrzahl Soziologen, daneben Politikwissenschaftler, Historiker, Geographen, Philosophen, Juristen. Das Forschungsprogramm ist sicher mehr als der wissenschaftliche Reflex auf die breite gesellschaftliche Bewegung, die - inspiriert durch Bücher wie Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ - den Vegetarismus zum allgemeinen Stilvorbild gemacht hat. Die meisten Forscher sind im aktivistischen Milieu der Tierrechtsbewegung verwurzelt, viele kommen aus der linken Subkultur und sind vom ethischen Rigorismus von Hardcore und Straight Edge gestählt.

          Eine zweite Traditionslinie liegt nicht zufällig im Feminismus. Die Animal Studies gehen davon aus, dass alle Formen der Unterdrückung eine strukturelle Verwandtschaft haben. Daraus ergibt sich eine Allianz von Naturschutz, Tierschutz, Feminismus. Von den Gender Studies hat man sich abgeschaut, nicht einen fixen Gegenstand, sondern eine Grenzlinie, die zwischen Mensch und Tier, sozialkonstruktivistisch in den Blick zu nehmen. Diese Grenze, lautet das Mantra der Animal Studies, ist gemacht und nicht naturgegeben. Ziel ist es zu zeigen, wie sie immer wieder neu gezogen und stabilisiert wird. Grundlegend ist dabei der Gegensatz von Natur und Kultur. Der Anfang aller Unterdrückung liegt darin, die Grenze als unverrückbare Naturkonstante auszugeben. Indem die Tiere dem Bereich der Natur zugeschlagen werden, liefert man sie menschlicher Verfügungsgewalt aus.

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