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Hürter/Raun: Die verrückte Welt der Paralleluniversen : Wer an die Weltformel glaubt, kann es schnell mit sehr vielen Welten zu tun bekommen

Bild: Verlag

Paralleluniversen sind unter Physikern keine exotischen Objekte mehr. Tobias Hürter und Max Rauner erklären die neue Faszination und finden am Multiversum dann etwas vorschnell Geschmack.

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          Es ist viel einfacher, Romane zu schreiben", bemerkte Ivana Trump einmal, "da kann man sich einfach alles ausdenken." Aber vielleicht hat die amerikanische Milliardärsexgattin und Hobbyschriftstellerin mit ihrem 1994 erschienenen Opus über ein superreiches Society-Girl namens Katrinka Graham in Wahrheit ja ein Sachbuch geschrieben? Dazu ist lediglich erforderlich, dass unser Universum nur eines von unendlich vielen Universen ist. Dann wird es in einigen (ebenfalls unendlich vielen) davon auch Planeten geben, die der Erde aufs Sandkorn gleichen - bis auf die Tatsache, dass auf einigen (immer noch unendlich vielen) eine Katrinka Graham liebt und leidet: In einigen wird sie amerikanische Präsidentin, in anderen Nonne, und in einer widerfährt ihr exakt jenes Geschick, welches Mrs. Trump glaubt, frei erfunden zu haben.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Je nach Geschmack ein grauenvoller oder amüsanter Gedanke, aber kein neuer. Auch in Jorge Louis Borges' "Bibliothek von Babylon" steht Trumps Buch irgendwo, und wenn der französische Mathematiker Émile Borel 1909 bemerkte, dass ein Affe an einer Schreibmaschine, wenn er nur unendlich viel Zeit hätte, irgendwann auch Shakespeares Hamlet tippen würde, so ist zu ergänzen, dass Katrinka Grahams Abenteuer notwendig ebenfalls dabei herauskämen.

          Die Popularität der vielen Welten

          Neu ist allerdings, dass einige Physiker heute in vollem Ernst glauben, es gebe diese unendlich vielen Parallelwelten tatsächlich - und dazu formelgespickt Abhandlungen veröffentlichen. Wie es dazu kommen konnte, berichten die beiden Wissenschaftsjournalisten Tobias Hürter und Max Rauner auf höchst vergnügliche Weise. Dabei wird kaum etwas ausgelassen, was zum Verständnis dieses Phänomens notwendig ist: von der Geschichte der Kosmologie bis zu Interpretationsfragen der Quantenphysik. Bei der wissenschaftshistorischen Darstellung geht das Bemühen der Autoren um Lesbarkeit zwar zuweilen auf Kosten der Genauigkeit, dafür gelingen ihnen die Erklärungen vertrackter physikalischer Sachverhalte meist wunderbar anschaulich. Und in Beobachtungen wie der, dass nicht zuletzt die Hinwendung des prominenten Stringtheoretikers Leonard Susskind die Paralleluniversen unter Wissenschaftlern populär gemacht hat, wird auch die soziologische Dimension gestreift: "Wenn ein Alphatier wie Susskind in eine andere Richtung läuft, trabt die Herde hinterher."

          Tatsächlich hat die Popularität der Par-allelwelten viel mit neueren Entwicklungen in der Stringtheorie zu tun. Diese soll dereinst die Quantenphysik mit Einsteins Gravitationstheorie zu einer einheitlichen fundamentalen Theorie der Physik, einer "Weltformel", verheiraten. Sie ist nicht der einzige Ansatz dazu, aber derzeit der mit den meisten Anhängern. Vor einigen Jahren stellte sich nun heraus, dass der Stringansatz nicht nur ein einziges Universum erlaubt, sondern eine absurd hohe Anzahl von größtenteils sehr verschiedenen Universen. Auch eine ausformulierte Stringtheorie wird nach gegenwärtigem Stand der Erkenntnis daher keine Gründe dafür angeben können, warum unsere Welt gerade diese Eigenschaften hat und nicht andere.

          Interpretationen der Quantenmechanik

          Wenn aber die materielle Welt in letzter Konsequenz naturwissenschaftlich beschreibbar sein soll und diese Beschreibung eine Stringtheorie ist, geht das nur dann, wenn jedes mögliche stringtheoretische Universum tatsächlich verwirklicht ist. Und wie Rauner und Hürter berichten, lassen sich durchaus mathematische Modelle für ein solches sogenanntes Multiversum konstruieren, in denen unser Universum nur eines von vielen ist.

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