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Neue Benjamin-Biographie : Ein Philosoph spielt Roulette

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Sein Leben und Werk zeigen: Walter Benjamin um 1925 Bild: akg-images / Imagno

Lange erwartet und nun auch auf Deutsch: Howard Eilands und Michael W. Jennings’ umfassende Biographie Walter Benjamins wird für lange Zeit Standard bleiben. Doch gravierende Mängel schließt das nicht aus.

          7 Min.

          Beim melancholischen Blick auf seine Schriften fand Walter Benjamin schon im Juli 1932 nur noch eine „Trümmer- und Katastrophenstätte, von der ich keine Grenze absehen kann, wenn ich das Auge über meine nächsten Jahre schweifen lasse“. Behielt er auch recht mit seiner Prophezeiung, so hätte er eines doch nie zu erwarten gewagt: die Wiederentdeckung nach der Weltkatastrophe und die weltweite Wirkung eines Korpus von Texten, der nicht nur äußerlich so fragmentarisch, rätselhaft, ja widersprüchlich ist, dass er sich im Grunde gegen eine solche Wirkung massiv sperrt. Und man fragt sich, ob diese Wirkung überhaupt je zustande gekommen wäre ohne den jahrzehntelangen Einsatz seiner Freunde Gershom Scholem und Theodor W. Adorno, denen sich die posthume Publikationsgeschichte verdankt. Wenig spricht dafür, dass ohne sie ein Werk Eingang in den philosophischen Kanon des zwanzigsten Jahrhunderts gefunden hätte, das neben zahllosen Aufsätzen und Rezensionen Bücher über so spezielle Themen wie die Kunstkritik in der deutschen Romantik und das barocke Trauerspiel umfasst, zu schweigen von dem gigantischen Material- und Aufzeichnungsarchiv des unvollendeten Projekts über „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“.

          In dem längst uferlosen Schrifttum über Benjamin gab es sehr lange eine auffällige Leerstelle: die fehlende umfassende Biographie zu Leben und Werk. Geschlossen wurde sie 2014 mit dem Buch von Howard Eiland und Michael W. Jennings, Benjamins amerikanische Herausgeber und Übersetzer, das nun auch auf Deutsch erschienen ist. Fragt man nach den Forderungen, die heute an eine solche Monographie zu stellen sind, muss man noch einmal zurückgehen auf die Werk- und Publikationsgeschichte. Benjamins intellektuelle Existenz, soweit sie in Texten nachlesbar ist, umfasst die drei Jahrzehnte zwischen 1910 und 1940, die Krisen- und Katastrophenjahre Europas und der Welt. Die literarische und philosophische Spannweite reicht dabei von Stefan George und Hölderlin bis zu Bertolt Brecht und Erich Kästner, von Marcel Proust und Julien Green bis zum Surrealismus und zur russischen Avantgarde, von der jüdischen Mystik bis zu Marx. Ende der zwanziger Jahre etwa arbeitete er an zwei Lexikonartikeln: Für die „Encyclopaedia Judaica“ schrieb er über „Juden in der deutschen Kultur“, für die „Große Sowjet-Enzyklopädie“ über Goethe. Dass beide Auftraggeber, die wohl kein anderer zugleich gehabt haben dürfte, Benjamins Texte nur vollkommen umgearbeitet und laut Benjamin „von allem Wesentlichen gereinigt“ druckten, verwundert kaum, ist aber sprechendes Beispiel für seine schwindelerregende und kaum haltbare Position in den damaligen Zeitläuften.

          Kampf der Nachwelt

          Zu Benjamins Lebzeiten äußerte sich diese zuweilen bizarre Konstellation in der eifersüchtigen Konkurrenz unter seinen Freunden und Gesprächspartnern: Hugo von Hofmannsthal wurde nur selektiv mit Lektüre versorgt, der Zionist Scholem legte den Finger auf jede dialektische Verrenkung seines Freundes, Asja Lacis verhinderte mit allen Mitteln die Reise ihres Verehrers nach Palästina, Adorno registrierte entsetzt den Einfluss von Brechts rabulistischem Materialismus, dieser nährte sein antiintellektuelles Ressentiment beim Blättern in der „Zeitschrift für Sozialforschung“, und Max Rychner, einer der wenigen liberalen Publizisten in Benjamins Bekanntenkreis, schwankte zwischen Kopfschütteln und Bewunderung. Der Betroffene selbst reagierte mit Diplomatie, Schweigen, Verstellung, oder eben mit jenem „bluff pur et simple“, den der ebenfalls eifersüchtige Werner Kraft beklagte.

          Die Nachwelt spaltete sich konsequent in Fraktionen, welche die direkt Beteiligten an Eifersucht und Konkurrenz bald noch übertrafen. Besonders die Stilisierung Benjamins zu einem marxistischen oder materialistischen Klassiker musste sich gewaltsam absetzen von den Interpretationen durch Scholem und Adorno – so verschieden diese beiden schon waren. Die Polemik um die Nachlasseditionen wirkt im Rückblick absurd, aber sie unterfütterte ständig von neuem den Verdacht, irgendwer hätte immer gerade den „wahren“ Benjamin verfälscht oder seine „marxistische Wendung“ unterdrücken wollen. Ganze Regalmeter an Benjamin-Deutung leiden bis heute an diesen Schismen, und vor allem auch die ersten Biographien von Werner Fuld und Momme Brodersen sind inzwischen in weiten Teilen fast unbrauchbar durch ihre Parteinahmen in einem fiktiven, längst historisch gewordenen Grabenkampf.

          Zerfall der Ideologien

          Fragt man also, was die lang erhoffte Benjamin-Biographie heute zu leisten hat, so ist es vor allem die Ablösung von diesen unfruchtbaren Traditionen. Die große Ausgabe der „Gesammelten Briefe“, die noch nicht abgeschlossene kritische Neuedition der Werke bilden eine Basis, die frühere Biographen noch nicht besaßen. Dem Zerfall der Ideologien nach der Epochenschwelle 1989 verdanken wir darüber hinaus Zugänge zu Benjamins Werk, in denen Vielfalt und Widersprüchlichkeit wichtiger sind als die reine Lehre. Nicht weniger als die Summe aus diesen Quellen war lange überfällig.

          Howard Eiland / Michael W. Jennings: „Walter Benjamin“. Eine Biographie.
          Howard Eiland / Michael W. Jennings: „Walter Benjamin“. Eine Biographie. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Howard Eiland und Michael W. Jennings war diese Forderung bewusst, und das rechtfertigt den enormen Umfang ihrer Monographie. Und vorweg: Das Buch übertrifft alle bisherigen Biographien bei weitem und wird für lange Zeit Standard bleiben. Denn trotz mancher Einwände, die anzubringen sind, leistet es zunächst das Wesentliche: Es umfasst den ganzen Benjamin, nutzt alle vorhandenen Quellen, gibt der persönlichen Entwicklung so viel Gewicht wie der intellektuellen. Besonders im persönlichen Lebensbereich ist mehr zu erfahren denn je: Eiland und Jennings erzählen nicht nur die Familiengeschichte, sie würdigen den prägenden Einfluss seiner Ehefrau Dora und der „russischen Revolutionärin aus Riga“ Asja Lacis – häufig ebenfalls Gegenstand posthumer Fraktionsbildung in eroticis –, aber auch durch die George-Schülerin Jula Cohn oder durch Gretel Adorno.

          Das Unvereinbare vereinbaren

          Und zum ersten Mal werden düstere Seiten beim Namen genannt, so die Spielsucht, die nicht unbeteiligt war an Benjamins prekärer finanzieller Lage. Da wundert man sich allerdings über Eilands und Jennings’ Neigung zur Apologie, mit der sie auch für krude Verhaltensweisen allzu dialektische Interpretationen finden; übersehen wird schnell, welche lebensgeschichtlichen Entscheidungen hier aufeinanderstießen. Scholems Distanz zu seinem Freund wäre ihm weniger vorzuwerfen, wenn man sich klarmachte, dass in seiner Sicht Benjamin beim Roulette zumindest einen Teil jenes Stipendiums verspielte, das die junge Hebräische Universität in Jerusalem ihm aus Spendengeldern ausgesetzt hatte.

          Trotz dieser beeindruckenden Forschungsleistung sind Einwände aber unvermeidlich. In ihrem Bemühen, die Einheit und Konsequenz von Benjamins Schaffen herauszuarbeiten, neigen die Autoren zuweilen dazu, auch das Unvereinbare zu vereinbaren. Das geht besonders zu Lasten des frühen Werks. Gegenüber den Perspektiven des „jüdischen“ und des „materialistischen“ Benjamin, des Kafka-, Brecht- oder Baudelaire-Lesers, ist jahrzehntelang eine andere recht unbeleuchtet geblieben: die des „deutschen“ Benjamin. Daran hat sich auch bei Eiland und Jennings wenig geändert; sie betrachten den Einfluss von Hölderlin und besonders von Stefan George eher als Jugendphänomen – ganz abgesehen davon, dass etwa die simple Zurechnung Georges zum „Nationalismus“ und die lehrerhafte Benotung seiner Hölderlin-Rezeption als „Fehlinterpretation“ der komplizierten Sache schwerlich gerecht wird.

          Sein Einzelgängertum verstehen

          Benjamin bekannte noch im Mai 1940, in seinem vorletzten Brief an Adorno, die Namen George und Hofmannsthal berührten einen Bereich, „in dem ich mich ganz zu Hause fühle“: Man würde mehr verstehen von seinem Einzelgängertum, von seinem hermetischen Materialismus, von seiner Distanziertheit, aber auch umgekehrt von seiner bewundernden Faszination durch den betont distanzlosen Brecht, wenn man die trotz aller Kritik lebenslange Prägung durch ein traditionsbewusstes, ja elitäres Verständnis von Poesie und Literatur in den Blick nähme. Politisch hatte Benjamin mit George nichts zu tun, sehr viel jedoch mit seiner „Haltung“, welche „die essentielle Einsamkeit eines Menschen in unser Blickfeld rückt“.

          Dieser Satz aus dem späten Brief an Adorno klingt fast wie einer aus der metaphysischen Frühzeit, und dort zeigt sich besonders deutlich ein weiteres Problem dieser Biographie. Vollkommen zu Recht setzen Eiland und Jennings voraus, dass zur Lebensgeschichte eines Autors sein Denken und Schreiben unabtrennbar dazugehören, und ein Großteil ihres Buches ist denn auch dem ausführlichen Referat über Benjamins Werke gewidmet. Die von Eiland und Jennings gewählte Form allerdings überzeugt nur selten. Indem sie sich durch die besprochenen Texte gleichsam hindurchzitieren und -paraphrasieren, und zwar unter weitestgehender Beibehaltung von Benjamins eigener und eigentümlicher Terminologie, entsteht am Ende etwas wie deren komprimierte Kurzform – die unmöglich ist und allzu oft auch nahezu unverständlich. Nimmt man beispielsweise die Passage über Benjamins Karl-Kraus-Essay – Stein des Anstoßes für Benjamins „marxistische Wende“ –, so wird genau das verfehlt, was hier eigentlich gefordert wäre: einsichtig zu machen, worin der Essay tatsächlich „hochkarätig“ ist und was er dabei über Benjamin verrät. Ähnliches gilt für Kafka, Proust, Baudelaire: Dem zitatreichen Referat fehlt die interpretatorische Konsequenz, nämlich die Frage, was eigentlich Benjamins theoretische Interessen an diese Autoren band.

          Apologetische Haltung

          Streckenweise sogar ärgerlich werden jene Kapitel, die sich mit Benjamins späten Jahren, der Arbeit am „Passagen-Werk“, am „Baudelaire“, widmen und dabei der Kooperation mit dem nach Amerika emigrierten Institut für Sozialforschung. Hier fallen die Autoren zurück in jene Ressentiments, die eine solche Biographie doch endlich überwinden sollte. Die auch sonst fast prinzipiell apologetische Haltung gegenüber Kritikern führt zu einer Darstellung, die den überlieferten Dokumenten nicht entspricht. Offenbar halten es die Autoren für ausgeschlossen, dass es zwischen Intellektuellen wie Benjamin, Adorno und Scholem theoretische Diskussionen geben konnte, die auch sehr kontroverse Positionen zuließen.

          Natürlich war Benjamin im November 1938, in seiner extrem bedrückenden Exil-Situation, durch Adornos massive Kritik an dem ersten Baudelaire-Aufsatz schwer getroffen; das aber ändert nichts daran, dass eine solche Kritik denkbar und auch berechtigt war. Wenn Eiland und Jennings die Diskussionen zwischen Benjamin und Adorno immer wieder unter Begriffe wie „Zensur“ oder „unglaubliche Einmischung“ fassen, dann verkleinern sie Benjamins Position zu einer passiven Opferrolle und verkennen gründlich den Charakter des Instituts – das eben keine „neutrale“ Universität war, sondern eine kleine Forschungseinrichtung mit sehr klar formulierten theoretischen und politischen Interessen.

          Brechts grobes Urteil

          Zudem werden die Autoren hier tatsächlich unaufrichtig. Dass ihre besondere Sympathie Brecht gilt, ist legitim. Aber während Adornos detaillierte Kritik am „Baudelaire“ für sie nur ein empörender Übergriff ist, wird Brechts viel gröberes Urteil bewusst schöngefärbt. Der berühmte Eintrag in seinem „Arbeitsjournal“ wird zwar angeführt, doch das Zitat bricht ab und unterschlägt den summarischen Schluss: „In solcher Form wird die materialistische Geschichtsauffassung adaptiert! Es ist ziemlich grauenhaft.“ Und man fragt sich, wem damit gedient ist, wenn diese für Benjamin so wichtigen Beziehungen nach eigenem Gusto in die eine Richtung verdunkelt werden, dagegen in die andere ganz offenkundig aufgehübscht.

          Das sind keine leicht wiegenden Mängel. Und sie sind bedauerlich, weil die Darstellung auch große Qualitäten besitzt. Gerade die Epoche des Pariser Exils bekommt hier eine so konkrete, materialreiche Darstellung, wie man sie noch nicht kannte. Der harte Existenzkampf um Publikationen, Stipendien, Wohnungen, die Rückschläge, Erschöpfungen, all das ist der dunkle Fond, auf dem die faszinierend schillernden Fragmente über die „Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ sich abzeichnen. Sehr viel an Benjamins Leben hat sich selbst schon verwandelt in mythische Bilder, und der Flaneur in Paris ist eines der stärksten. Gerade der biographische Zugang bewirkt eine harte, nüchterne und notwendige Korrektur. Wer die entsprechenden Kapitel bei Eiland und Jennings liest, der sieht keinen Flaneur, der sieht einen verarmten und bedrohten Intellektuellen im Exil, dem nichts mehr sicher ist, was einmal das geistige und materielle Zuhause seines Lebens war. Hier, in dieser lebensgeschichtlichen Entmythologisierung einer rätselhaften Jahrhundertfigur, liegt der eigentliche Gewinn dieser Biographie.

          Howard Eiland / Michael W. Jennings: „Walter Benjamin“. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Ulrich Fries und Irmgard Müller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 1021 S., geb., 58,– €.

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