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Horst Hilpert: Die Fehlentscheidungen der Fußballschiedsrichter : Der Einbruch des Rechts in das Spiel

  • -Aktualisiert am

Horst Hilpert: Die Fehlentscheidungen der Fussball-Schiedsrichter Bild: De Gruyter Verlag

Wider die Unantastbarkeit der Schiedsrichterentscheidungen: Horst Hilpert mobilisiert das Naturrecht, um Wahrheit und Gerechtigkeit auf dem Platz durchzusetzen.

          Fußball kann grausam sein. Noch die alte Fanweisheit „Durst ist schlimmer als Heimniederlagen“ kündet in ihrer Ironisierung von den seelisch-moralischen Verletzungen, die an jedem Wochenende für Spieler und Zuschauer möglich sind. In beiden Halbzeiten kann im Ringen um den Sieg jenes Unerwartete passieren, das nach Abpfiff als Sporttragödie kanonisiert wird. Eine dritte Halbzeit gibt es nicht, und kein Fußballhimmel sorgt für metaphysischen Trost auf Erden. Schlimmer noch als Last-Minute-Doppelschläge sind jedoch jene Schicksalshiebe, als die man die Fehlentscheidungen des Schiedsrichterteams hinnehmen muss.

          Solche Fälle schildert das Buch von Horst Hilpert in seinem Hauptteil. Hilpert muss es wissen, denn er war Präsident des Landesarbeitsgerichts und Vorsitzender des Kontrollausschusses des DFB bis Oktober 2007. Die Regeln von Recht, Gerechtigkeit und Sport haben in ihm ihren ebenso kompetenten wie praxisnahen Exegeten gefunden. Ach, wenn er nur auch noch erzählen könnte!

          Eine buchhalterische Aufbereitung für besondere Fans

          Elfmeter- und Abseitspfiffe, unterbliebene wie zu Unrecht erfolgte, Verwarnungen und Platzverweise, Auswechselmalheure und schließlich sogar Phantomtore durchziehen dieses Buch zuverlässig wie der Spielplan den Jahreslauf des Fans. Selbst Hilperts buchhalterische Aufbereitung der Fälle lässt die Bilder wieder wach werden: Thomas Helmer verstolpert den Ball hinters Nürnberger Außennetz, der Schiedsrichter entscheidet auf Tor für Bayern. Thierry Henry („Hand of Frog“) schießt nach Handspiel Frankreich in die WM-Endrunde, Irland hat das Nachsehen.

          Zum Rechtsfall werden diese Kuriosa spätestens durch die Einsprüche der benachteiligten Mannschaften. Sie haben ein legitimes Interesse an materialer Gerechtigkeit. Dem stehen freilich andere Gesichtspunkte gegenüber, nicht zuletzt das Interesse des Zuschauers, dass Ergebnisse mit dem Schlusspfiff endgültig sein sollen und nicht am grünen Tisch nachverhandelt werden dürfen. Anders gefragt: Wie weit soll die Verrechtlichung des Fußballs gehen?

          „Vergerechtlichung“ im Schlinkschen Sinne

          Hilpert verdeutlicht mit kurzen sportgeschichtlichen Rückblicken, wie weit bereits die Verregelung gediehen ist, die man mit Bernhard Schlink auch als „Vergerechtlichung“ bezeichnen könnte. Aus den Anfängen des Fußballs im neunzehnten Jahrhundert und vom Bolzplatz um die Ecke weiß man, dass es auch ohne Schiri gehen könnte. Seither wird das Regelwerk engmaschiger, die Kontrolldichte höher. Fotografen und unzählige Fernsehkameras tun das Ihrige dafür, dass Regelverstöße als solche wahrgenommen werden und beweisbar bleiben.

          Ein Schreckgespenst geht in den Stadien um: Nachdem es auf dem Rasen turbulent zuging, steigt von der Zuschauertribüne eine Richterin herab und erlässt per einstweiliger Verfügung einen Strafstoß. Denn was der Schiedsrichter nicht gesehen hat, ist ihren Augen nicht verborgen geblieben, und um dauerhaften Schaden abzuwenden, wurde auf Antrag der zu Unrecht benachteiligten Mannschaft der Rechtsweg eingeschlagen. Der Gerichtsvollzieher stellt die Verfügung zu, zwei Beamte in Uniform garantieren die Durchsetzung der Anordnung. Justitia wacht auch auf der Stadiontribüne.

          Fehlerquote unter zwei Prozent

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