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Buch über Michelangelo : Er mischte zum Weiblichen etwas Männliches und umgekehrt

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Die von den Zeitgenossen Michelangelos als überaus erotisch wahrgenommene Figur der „Morgenröte“ auf dem Grabmal Lorenzo de’ Medicis in der Neuen Sakristei von San Lorenzo in Florenz Bild: Getty

Hier die Schrecklichkeit der eigenen Kunst, dort das melancholische Leiden an der Welt: Horst Bredekamp widmet Michelangelos Leben und Werk eine gewichtige und exzellent bebilderte Darstellung.

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          Die früheste sicher datierte Darstellung Michelangelos zeigt ihn als Bezwinger des Schicksals. Die Rede ist von einem Holzschnitt in Sigismondo Fantis „Triompho di Fortuna“. Dieses 1527 publizierte Orakel- oder Losbuch sollte als eine Art anspruchsvolles Gesellschaftsspiel ermöglichen, mithilfe verschiedener „Spielpläne“ Vorhersagen über die Zukunft zu treffen. Unter den berühmten Männern, die an den Seitenrändern der Spielpläne neben den verschiedenen Kreisen des Schicksals dargestellt sind und die offenbar bereits Triumphe über das Schicksal gefeiert haben, finden sich auch Maler, Bildhauer und Architekten. Aber nur Michelangelo ist dort in voller Aktion gezeigt: Mit entblößtem Oberkörper kniet er auf einem Marmorblock. Unter seinen Schlägen entsteht die Liegefigur der „Morgenröte“ für die Neue Sakristei in Florenz.

          Für die Skulpturen der Medici-Grabkapelle wurde erst ab 1521 der Marmor geliefert. Der Holzschnitt scheint also unter dem Eindruck von Michelangelos aktueller Arbeit entstanden. Andererseits stilisiert bereits diese erste Darstellung den Künstler und will bestimmte Vorstellungen vermitteln: Hier arbeitet ein neuer Pygmalion, dessen Liebe und Hingabe seine Schöpfungen quasi belebt. Und zugleich führt hier ein Mann vor, wie man eine Frau unter Einsatz aller Kraft im eigenen Sinne formt. Ähnlich fordert um dieselbe Zeit Niccolò Machiavelli in ungebremster Misogynie, man müsse Fortuna an den Haaren packen, niederzwingen und schlagen, um Herr seines Schicksals zu werden.

          Anmaßung und Demut

          Die Herausforderungen jeder Auseinandersetzung mit Michelangelo zeichnen sich bereits in der Ambivalenz und Mythisierung dieser ersten Darstellung des Künstlers ab. Und sie stellen sich auch noch für die jüngste Monografie Horst Bredekamps. Mit dem über achthundert Seiten starken, reich bebilderten und wunderbar produzierten Buch scheint der Autor in ähnlich heroischer Kraftanstrengung nun den Künstler seinerseits bezwingen zu wollen. Untersucht wird der „ganze Michelangelo“, sein Leben und alle Werke, von den Zeichnungen über die Gemälde und Fresken, Skulpturen und Architekturen bis hin zu den Gedichten.

          Horst Bredekamp: „Michelangelo“.
          Horst Bredekamp: „Michelangelo“. : Bild: Wagenbach Verlag

          Als Leitthemen identifiziert Bredekamp einleitend: „Anmaßung und Demut“ in den künstlerischen Projekten; „Geselligkeit“, also soziale Netzwerke und Freundschaften des oft als Einzelgänger charakterisierten Künstlers; „Leiblichkeit“ und „proteischer Eros“, womit Michelangelos Liebe und „schier maßlose[s]“ Begehren als treibende Kräfte benannt werden. Dagegen ist über seine tatsächliche Sexualität kaum Sicheres zu sagen. Alles überfängt Michelangelos „Panempathie“, seine „Empfänglichkeit, die nicht einzuhegen ist“ und die mit einer grenzenlosen Unbedingtheit des Denkens und Wollens einhergeht.

          Kometenhafter Ruhm

          Die folgenden Analysen Bredekamps evozieren ein Bild des Künstlers im Stil des „Triompho di Fortuna“. Im dauernden Ringen mit übermenschlichen Aufgaben und Widerständen werden ganz neue Werklösungen erzwungen. Für diese soll Michelangelo die wichtigen Entscheidungen zunehmend selbst getroffen haben: Er bestimmte Aufstellungsort und Thema des Grabmals für Julius II., er verantwortete das Gesamtkonzept und „‚schwarze‘ Geschichtsbild“ der Sixtinischen Decke, er konnte durch die „entwaffnende Qualität“ der Skulpturen der Neuen Sakristei eine Darstellung von Herrschaft entwerfen, die „in der Negation ihrer selbst ihre höchste, des Nachruhms würdige Bestimmung findet“, und so fort.

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