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Horst Bredekamp: Theorie des Bildakts : Erkundungen der Bildermacht

Der Fundus ist überreich, auf den Bredekamp zurückgreifen kann, um den ins Auge gefassten Bildwirkungen quer durch die Geschichte entlang dreier Achsen zu folgen. Einmal entlang der Verfahren, Körper und Bilder aneinander anzugleichen, wie etwa in den Tableaux vivants oder dem Spiel mit der Faszination lebendig wirkender Automaten, Statuen oder Puppen. Im zweiten Anlauf entlang der Praktiken, Körper und Bilder füreinander einstehen zu lassen, von der Vera-Icon-Ikonographie über alte Bilderstürme bis zu zeitgenössischen Fortsetzungen des Krieges mit Bildermitteln. Und schließlich, weniger leicht vorherzusehen und auch um einiges freier noch in der Auswahl, am Leitfaden durch die Form selbst gestifteter Bildermacht. Bevor zuletzt noch mit den Effekten von Darwins sexueller Auslese eine Art naturgeschichtlicher Unterbau des Bildakts anvisiert wird - was den Autor sogar dazu bringt, seine eigene zu Beginn getroffene Feststellung, dass ein Bild nur sein kann, was irgendeine menschliche Zurichtung zu seiner Präsentation erfahren hat, beseitezusetzen.

Zur Sprachstärkung

Für den Anspruch einer "Theorie des Bildakts" wäre das zwar eher fatal. Aber diesen Titel setzt man als Leser ohnehin schnell beiseite, übersieht auch lieber die Anspielung auf die Sprechakttheorie. Denn um Theorie in einem einigermaßen belastungsfähigen Sinn geht es offensichtlich nicht, und man muss das auch nicht bedauern. Der Terminus gehört eher ins rhetorische Arsenal der Bedeutungssteigerung, mit der Bredekamp kunstgeschichtlich informierte und zumindest seit Aby Warburgs und Edgar Winds Zeiten geläufige Einsichten zum finalen Aufklärungsprojekt über unsere tiefsitzende Bildempfänglichkeit schmieden möchte.

Man darf sich stattdessen an Bredekamps Überzeugung halten, dass es ihm auch um eine "Selbststärkung" der Sprache in Zeiten der bildtechnischen Hochrüstung der Gegenwart zu tun sei, um die "Stärkung ihrer Klarheit, Finesse, Anarchie und Unergründlichkeit", ja dass die Sprache "im Zusammenspiel mit dem Bild oder auch im Konflikt mit der Sphäre des Visuellen zur höchsten Entfaltung ihrer selbst zu gelangen vermag".

Die Rolle des Vorreiters

Auch das ist zwar ein bisschen sehr steil formuliert, aber ausschließen möchte man es natürlich nicht. Bloß begreift man bei der Lektüre von Bredekamps Buch nicht recht, was den Autor dazu verleitet hat, die versammelten Bildkommentare mit diesem hohen Anspruch einzuleiten. Denn als Beispiel von Raffinesse möchte man sie nicht hinstellen, ihre stellenweise Unergründlichkeit ist von stilistischen Überstürztheiten nicht gerade leicht zu unterscheiden, die Klarheit leidet oft beträchtlich unter den philosophisch-anthropologischen Selbstüberforderungen, und an Anarchie denkt man bei dem recht hastig absolvierten Parcours eigentlich auch kaum.

Vielleicht muss man dieses Buch ja als letzten Tribut Bredekamps an seine disziplinäre Vorreiterrolle für eine Erweiterung des kunstwissenschaftlichen Terrains sehen. Zu welcher Rolle wohl gehört, es mit der Raffinesse so wenig wie mit der Anarchie zu übertreiben, aber an programmatisch zu verstehenden Vollmundigkeiten keinesfalls zu sparen. Mit der bald erreichten Emeritierung könnte die Bahn dann jedoch frei sein für das eine oder andere mit Muße geschriebene Buch. Der "Bildakt", für dessen akademisches Fortkommen wahrscheinlich gesorgt ist, müsste dann nur noch in - vielleicht abgründigen - Fußnoten figurieren.

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