https://www.faz.net/-gr3-14uu2

Horst Bredekamp: Michelangelo : Gebändigt sind die Kräfte

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ganz ohne pathetische Gemeinplätze: Horst Bredekamp revidiert mit sicherer Hand das uns vom neunzehnten Jahrhundert hinterlassene Bild von Michelangelo als titanischem Künstler.

          Mit kaum einem anderen unter den Künstlern haben sich die Deutschen von jeher schwerer getan als mit Michelangelo. Spätestens seit Winckelmann und noch bis zu Jacob Burckhardt und Heinrich Wölfflin galt er als der große Formverderber, dem jede Grazie und Anmut abgesprochen wurde, dem aber zugleich Größe attestiert werden musste, und sei es seiner schieren Gestaltungskraft wegen: Bewunderndes Entsetzen ist der Grundtenor, mit dem seinem Werk begegnet wurde.

          Michelangelos selbstquälerisches Schöpfertum hat ihn auch eher zum Favoriten der Literaten taugen lassen, während sein Antipode Raffael unausgesetzt über Generationen von Künstlern geherrscht hat. Der ästhetische Heroismus des 19. Jahrhunderts hat diese Widersprüchlichkeit zwischen ästhetischem Unbehagen und titanischer Künstlerverehrung zum Mythos verklärt, was die Rezeption Michelangelos in Kunstbetrieb und Forschung gleichermaßen mehr erschwert als befördert hat.

          Nur selten hat die deutschsprachige Kunstliteratur diesem Künstler gegenüber aus pathetischen Gemeinplätzen heraus und zu souveräner Haltung und sprachlicher Leichtigkeit gefunden; allen voran hat Goethe Michelangelos moderne Eigenständigkeit begriffen und propagiert - womit er freilich ebenso wenig erfolgreich war, wie in sämtlichen anderen Domänen seiner Kunstpolitik auch. Und allenfalls Herman Grimm und Carl Justi kommt noch zu, diesen Künstler ganz unaufgeregt verstanden und dessen Werk in seiner sinnlichen und konzeptuellen Unvergleichlichkeit angemessen gewürdigt zu haben.

          Das Werk als Spannungsprodukt

          Man zögert nicht, den Band von Horst Bredekamp, der fünf Aufsätze zu Michelangelo vereint, in diese Linie zu stellen. Auch und gerade weil er das in so bescheidener Aufmachung tut. Es handelt sich um konzentrierte Destillate und gleichsam um die vorläufige Summe seiner langjährigen Forschungen.

          Bredekamp geht es nicht darum, der vermeintlich transzendierenden Vollendung in Michelangelos OEuvre nachzuspüren. Vielmehr erkennt er als dessen inneren Zusammenhang eine singuläre Häufung von äußeren oder selbstgeschaffenen Zwängen und Schwierigkeiten, die es als wirkliches Spannungsprodukt beschreiben lassen. Überzeugend nüchtern plädiert er dafür, das sogenannte "Non-Finito", die auffallend große Zahl von unfertigen Werken, nicht zum bewusst gewählten Vollendungsgrad zu stilisieren - wie das eine romantische Kunsttheorie folgenreich getan hat -, sondern vielmehr als anschaulichen Beleg von Michelangelos notorischer Arbeitsüberlastung und seiner Selbstüberschätzung der eigenen Kräfte zu nehmen.

          Die enorme Zahl der Aufträge in der frühen Schaffensphase zwischen 1498 und 1505, in der der Künstler auf Anerkennung und Durchsetzung drängte, hat die Nichtvollendung geradezu zum physischen Gebot werden lassen. Die unterschiedlichen Vollendungsgrade sind mithin das Resultat einer überbordenden Euphorie und eines hungrigen Kunstmarkts zugleich. Innerer und äußerer Druck erst haben sie zu einer unvermeidlichen Werkform und zum Gestaltungsprinzip gemacht, das dann Kunstgeschichte schreiben sollte.

          Weitere Themen

          Ohne Tinte geht es nicht

          Bettine von Arnim : Ohne Tinte geht es nicht

          Briefe waren ihre Whatsapp-Nachrichten: Bettine von Arnim schrieb und schrieb. An Kinder, Freunde, Geschwister und Männer. Mit verschiedenfarbigen Tinten: Der König von Preußen las sie in Rot.

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          In einem Gedenkgottesdienst nehmen Angehörige, Freunde und Nachbarn Abschied von dem achtjährigen Jungen

          Nach Frankfurter Gewaltat : Abschied von getötetem Achtjährigen

          Nach der grausamen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof haben Angehörige, Freunde und Nachbarn in einem Gedenkgottesdienst Abschied von dem getöteten Jungen genommen. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war anwesend.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.