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Horst Bredekamp: Der schwimmende Souverän : Souverän ist, wer über die Badeanstalt verfügt

Horst Bredekamp: „Der schwimmende Souverän“ Bild: Wagenbach Verlag

Vor genau 1200 Jahren starb in Aachen Karl der Große. Zur Wiederkehr des Todestages deutet der Kunsthistoriker Horst Bredekamp das Herrschaftsverständnis des Kaisers neu. Das gemeinsame Bad spielt darin eine zentrale Rolle.

          5 Min.

          Heute erscheint „Der schwimmende Souverän“, ein Buch über Karl den Großen, das schon ursprünglich zweifach neugierig machte. Es kommt genau zum Datum des 1200. Todestags seines Gegenstands heraus, und es ist die erste Publikation des Wagenbach Verlags im fünfzigsten Jahr seines Bestehens. Wir haben es also mit einem doppelten Jubiläumsbuch zu tun, und deshalb war die Vorfreude aller Beteiligten groß, vor allem die des Autors Horst Bredekamp.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Vor einem Monat jedoch wies der „New Yorker“ nach, dass der Kunsthistoriker wissenschaftliches Opfer einer großangelegten Fälschung geworden ist. Sein 2007 publiziertes Buch „Galileo der Künstler“ und eine danach durch ihn initiierte internationale Forschergruppe zu Galileo Galileis 1610 verlegter Schrift „Sidereus Nuncius“ hatten sich auf ein neu entdecktes, angeblich mit Handzeichnungen des Verfassers versehenes Exemplar dieser astronomischen Schrift berufen, das sich nun als Werk eines Fälschers herausgestellt hat.

          Probe auf die Zuverlässigkeit diesmaliger Materialsammlung

          Bredekamp, dem bei seinem langjährigen Kampf um eine Rehabilitierung des Visuellen im abendländischen Wissenschaftsverständnis diese Zeichnungen in die Hände zu spielen schienen, ist blamiert, zumal seine Freude über den unerwarteten Fund ihn die angeratene Sorgfalt bei der Prüfung von Authentizität und Provenienz vernachlässigen ließ (F.A.Z. vom 22. Januar). Deshalb darf sein neues Buch noch mehr Interesse beanspruchen: als Probe auf die Leistungskraft seiner Deutung und die Zuverlässigkeit von Bredekamps diesmaliger Materialsammlung.

          Sie ist insofern weniger heikel, als der Autor in seiner Studie keine bislang unbekannten Objekte präsentiert. Ausgangsmaterial ist vielmehr der Kernbestand der materiellen Überlieferung zu Karl dem Großen. Da ist vor allem Einhards 829 verfasste Karls-Vita, die der frühere enge Vertraute des Monarchen bewusst im Stil einer von Suetons Kaiserbiographien anlegte, um damit dem antiken Herrscherideal zu entsprechen, das Karl zur Begründung seines neuen Kaisertums propagandistisch benutzte. Da ist die heute im Pariser Louvre aufbewahrte Reiterstatuette aus Metz, die von der Forschung meist mit Karl dem Kahlen, dem Enkel Karls des Großen, identifiziert wird, neuerdings aber im Sinne der Tradition wieder als Abbild des Großvaters selbst ins Gespräch gebracht wird: von Johannes Fried in seiner unten besprochenen Karls-Biographie wie auch von Bredekamp, dem Frieds Manuskript vor Drucklegung zugänglich gemacht worden war.

          Schwimmen als zentrales Bild für Karls Herrschaftspraxis

          Und vor allem ist da das Zeugnis der Aachener Pfalzkapelle, die Karl am Regierungssitz seiner späteren Jahre errichten ließ und für deren Bau er antike Spolien aus Italien heranschaffen ließ, um der erwähnten Kontinuität des Kaisertums auch architektonisch Ausdruck zu verleihen. Das heute in den Aachener Dom integrierte, aber vollständig erhaltene Oktogon deutet Bredekamp als ein Lichtkunstwerk, bei dem alle Details - Kuppelgestalt, Fensterplazierung, Mosaizierung, Metallschmuck - der Schaffung einer Ambiguität dienten, die der Berliner Kunsthistoriker in die Kategorie des Fluidums, des Fließenden, fasst: „Karl der Große schwimmt im Wasser wie im Licht.“

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