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Holger Zaborowski: Eine Frage von Irre und Schuld? : Vom Verhängnis der Fremdbestimmung

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Bild: Verlag

Martin Heidegger und der Nationalsozialismus: Eines der großen philosophisch- politischen Dramen des zwanzigsten Jahrhunderts wird von Holger Zaborowski neu aufgeführt - auf 794 Seiten, aber seine Argumentation hat eine Schlagseite.

          Wenn alle sich streiten wie die Kesselflicker, wenn der Streit kein Ende nehmen will, dann kommt - egal, worum es geht - irgendwann das Bedürfnis hoch, dass jemand sich endlich ein Herz nimmt und sagt: Basta! Ich sag' euch, wie es ist! Holger Zaborowskis Buch über Martin Heidegger und den Nationalsozialismus ist zweifellos der Absicht entsprungen, ein solches Schlusswort zu sprechen. In Zaborowskis eigener, etwas bemühter und verdruckster Ausdrucksweise hört sich dies so an: „Es mag heute geboten sein, die Diskussion auf einer Ebene zu führen, die der Komplexität dessen, was geschah, und seiner Ambivalenz gerecht wird.“

          Gerechtigkeit will Zaborowski also walten lassen in jenem Streit um Heideggers Liaison mit dem Nationalsozialismus, die seit siebenundsiebzig Jahren, seit 1933 große und kleine Geister beschäftigt. In Freiburg ist die Nervosität immer noch groß - so auch in Paris, wo vor kurzem Emmanuel Faye nassforsch forderte, Heideggers Bücher sollten aus den philosophischen Bibliotheken entfernt werden. Die Erfüllung dieser Forderung wäre zwar beschäftigungsfördernd für Umzugshelfer weltweit, aber doch ziemlich unsinnig. Wo auch immer die knapp hundert Bände der blau-roten Werkausgabe aufgestellt sind, sie gehören zum philosophischen und - wie Zaborowski ergänzt - auch zum historischen Erbe des 20. Jahrhunderts.

          Mit der Objektivität des Historikers

          Genau diese Doppelperspektive ist es auch, mit der er nun einen neuen Standard setzen will: Mit der „Objektivität“ des „Historikers“ will er Heidegger als „Person der Zeitgeschichte“ behandeln und sich zugleich als Philosoph dessen „begrifflich anspruchsvollem“ Werk gewachsen zeigen. Seine (übertriebene) Behauptung, diese Verbindung sei bislang sträflich vernachlässigt worden, nimmt er als Rechtfertigung, um die Sekundärliteratur zum Streitfall Heidegger um weitere 794 Seiten anwachsen zu lassen.

          Ein Schlusswort also oder mindestens ein Buch, das den state of the art neu definiert? Wie kein Zweiter hat Zaborowski alle erreichbaren Quellen studiert und Archive gesichtet. Der Spannungsbogen des Buches beschränkt sich keineswegs auf die NS-Zeit, sondern reicht von der Jahrhundertwende bis in die fünfziger Jahre. Sorgfältig, ein wenig umständlich wird das Material ausgebreitet und neu arrangiert, den Kennern mag das allermeiste bekannt sein, doch mancher bisher unbekannte Brief wirft interessante Schlaglichter. Heideggers Weg ins Freiburger Rektorat 1933 wird genau rekonstruiert, man erfährt Neues über die Diskussion zu Heidegger im Deutschland der NS-Zeit. Und doch bleibt Zaborowski in der selbstgesetzten Aufgabe, als Philosoph und Historiker zugleich zu agieren, stecken. Was sich hätte befruchten können, hat sich gegenseitig gelähmt. Sein Buch ist verdienstvoll und im Ganzen doch kraftlos, es ist gut gemeint, aber nicht wirklich gut gelungen.

          Zaborowski schwächelt als Historiker. Er stellt immer wieder die Gretchenfrage, ob und in welchem Ausmaß Heidegger nationalsozialistisch gedacht oder gehandelt habe, ob also etwa das frühe Hauptwerk „Sein und Zeit“ ein „Dokument des Protofaschismus“ sei. Seine Antwort fällt in diesem Fall ähnlich aus wie bei anderen Gelegenheiten; sie lautet: „Die Wahrheit liegt - wieder einmal - in der Mitte zwischen den Extrempositionen.“ Das mag vielleicht stimmen, aber bevor man sich auf diesen Mittelweg begibt, sollte man erst einmal sagen, was man damit überhaupt meint: Nationalsozialismus, Faschismus, Protofaschismus und so weiter. Mit Blick auf Heidegger geht gar das Wort vom „Privatnationalsozialismus“ um; man muss also etwas über den nichtprivaten Nationalsozialismus wissen, wenn man Heidegger auf die Finger schauen will. Zaborowski verzichtet leider vollständig darauf, ein eigenes Bild der ideologischen Gemengelage zu präsentieren, auf die er sich doch laufend beziehen muss. Wie steht es mit der Totalitarismustheorie? Was ist mit dem langwierigen, schwerwiegenden Streit um die Frage, ob der Nationalsozialismus „antimodern“ oder auf eine verdrehte Weise „modern“ gewesen sei? Diese neueren Forschungsfragen kommen bei Zaborowski nicht vor, sie sind aber gerade mit Blick auf Heidegger bedeutsam, denn bei ihm spielt das „Totale“ ebenso wie das „Moderne“ eine Schlüsselrolle. Zaborowskis Buch trägt den Untertitel „Martin Heidegger und der Nationalsozialismus“, aber es hat eine Schlagseite in Richtung Heidegger, die es zum Kentern bringt.

          Verhängnis der Fremdbestimmung

          Nicht nur als Historiker, auch als Philosoph will sich Zaborowski Heidegger nähern. Sein Respekt für dessen philosophische Leistungen kommt in seinem Buch ebenso glaubwürdig zum Ausdruck wie seine Vorbehalte. Es fällt ihm allerdings sichtlich schwer, von der historischen Person zu den philosophischen Positionen zu wechseln. Lohnenden, ja fast unvermeidlichen Streitfragen weicht er aus.

          Ein Beispiel. Viele renommierte Heidegger-Interpreten meinen, in „Sein und Zeit“ und anderen frühen Texten fänden sich Elemente eines Konzepts von Selbst und Mitwelt, die jenem Verhängnis der Fremdbestimmung entgegengehalten werden können, welches sowohl im Kollektivismus der NS-Ideologie wie auch in Heideggers eigener Spätphilosophie auftrete. Andere ebenso renommierte Forscher halten sich gerade an diese Spätphilosophie und stellen etwa die „Gelassenheit“ oder das „Schonen“ gegen die Machtphantasien, die sie sowohl bei den NS-Ideologen wie auch beim frühen Heidegger, der „Herr der Macht, die wir selbst sind“, werden wollte, entdecken. Mal sind es Gedanken des frühen, mal solche des späten Heidegger, die man dem Nationalsozialismus entgegenhält - und diese Gedanken sind nicht dieselben.

          Diese und andere Kontroversen kommen bei Zaborowski überhaupt nicht vor. Er fragt nach der Verantwortung der Person, er interessiert sich für den einen Kopf, die eine Hand, aus der dieses große Werk mit all dem Falschen und Abwegigen, Richtigen und Wegweisenden entsprungen ist. Statt sich hart am Wind der Positionen zu halten, statt den Gedanken ihre Eigenständigkeit zu gönnen, zieht er sich zurück auf den Befund, das ganze Werk sei eben zwiespältig - wie die Person selbst. Das Gleiche könnte man auch, alles in allem, über das Wetter in Deutschland sagen, aber etwas genauer hätte man es schon gern.

          In der Feststellung von Ambivalenzen erschöpft

          Zaborowskis Grundidee, die Rollen des Historikers und des Philosophen zusammenzuspannen, ist prächtig, deren Umsetzung mittelprächtig. Als Historiker sieht er sich einer „sachgemäßen Hermeneutik“ verpflichtet; faktisch führt dies dazu, dass sein Buch von Sätzen überquillt, die Selbstverständlichkeiten festhalten: „Weniger als sieben Jahre nach der Veröffentlichung von ,Sein und Zeit' - im Jahr 1933 - begann die nationalsozialistische Diktatur.“ Gut, dass das endlich mal jemand gesagt hat. Als Philosoph will er zu einem abgewogenen Urteil gelangen; faktisch führt dies dazu, dass er sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in der Feststellung von Ambivalenzen erschöpft: „Was dabei zunächst einmal deutlich geworden sein dürfte, ist, was oft betont wurde, dass nämlich die Frage nach Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus äußerst komplex ist.“

          Genau, das kann man nicht häufig genug wiederholen. Wenn man die zahllosen Sätze solcher Art überspringt, dann bleibt immerhin noch ein taugliches Buch übrig: eine gründliche Aufbereitung des Materials zu einem der großen philosophisch-politischen Dramen des 20. Jahrhunderts.

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