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: Hört, was uns diese leidenschaftlichen Leute der Straße zu sagen haben

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Architektur will gesehen und genutzt werden, will sich ästhetisch präsentieren und den praktischen Bedürfnissen derer dienen, die mit ihr leben. Wie sehr diese unterschiedlichen Wesensmomente die Gestaltung bestimmen, wenn es nicht nur um einzelne Bauwerke, sondern um ganze Lebensräume geht, dokumentiert ein ...

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          Architektur will gesehen und genutzt werden, will sich ästhetisch präsentieren und den praktischen Bedürfnissen derer dienen, die mit ihr leben. Wie sehr diese unterschiedlichen Wesensmomente die Gestaltung bestimmen, wenn es nicht nur um einzelne Bauwerke, sondern um ganze Lebensräume geht, dokumentiert ein gehaltvolles Buch zu den amerikanischen "Cultural Landscape Studies".

          Der von der Kunstwissenschaftlerin Brigitte Franzen und der Landschaftsarchitektin Stefanie Krebs herausgegebene Band versammelt Aufsätze von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart und zeichnet nach, wie sich aus dem ursprünglichen landschaftsbezogenen Denken amerikanischer Kulturgeographen eine florierende moderne Kulturwissenschaft entwickelt hat.

          Vor allem aber macht das Buch mit einer imponierenden Gründer- und Galionsfigur der amerikanischen Landschaftsforschung bekannt. John Brinckerhoff Jackson (1909 bis 1996), europäisch-amerikanisch gebildet und mit europäischen Kulturlandschaften wohlvertraut, wird mit der 1951 von ihm gegründeten Zeitschrift "Landscape" zum Impulsgeber einer kritischen, zugleich möglichst unvoreingenommenen Erforschung der von Menschen gestalteten Lebensräume. Über Jahrzehnte hinweg versammelt das Magazin Autoren aus Geographie, Architektur, Stadtplanung, Kunstwissenschaft und zahlreichen anderen Disziplinen unter seinem Dach, bleibt dabei aber, vermittelt durch die autonome Gestalt seines Herausgebers, dem akademischen Betrieb so autodidaktisch fern, wie es inspirierend in ihn hineinwirkt.

          Jacksons erstes Anliegen mußte es sein, die Wahrnehmung amerikanischer Landschaften von europäischen Denkmustern, wie sie sich aus Renaissancelandschaften, der Landschaftsmalerei und einer stark visuellen Orientierung ergab, zu befreien. Daß es dabei nicht nur darum ging, den Wahrnehmungsraum für eine eigene amerikanische Ästhetik zu öffnen, verdeutlicht ein einfaches Beispiel: Mit dem "Homestead Act" von 1862 wurden die amerikanischen Siedlungsgebiete in große quadratische Parzellen aufgeteilt.

          Die Farmer, die diese Areale bewirtschafteten, entsprachen zwar dem Jeffersonschen Ideal des unabhängigen, landbesitzenden Staatsbürgers. Aufgrund der rasterförmigen Grundstücksstruktur jedoch hatte keine Familie mehr als vier Nachbarn. Das ebenfalls von Jefferson verfolgte Ideal der Gemeinschaftsbildung war damit untergraben.

          Nicht um die schöne Szenerie also ist es der Landschaftsforschung zu tun, sondern um die identitätsprägende, gemeinschaftsbildende oder sozial hemmende Eigenart von Siedlungs- und Architekturformen im Zusammenspiel mit der natürlichen Umgebung. In mitreißend unbefangener und zugleich reflektierter Weise versucht Jackson in den drei Texten, die im vorliegenden Band abgedruckt sind, der Alltagsnähe der amerikanischen Kulturlandschaft gerecht zu werden. Er unterscheidet zwischen einem mittelalterlichen Landschaftstypus, der von kleinbäuerlicher Nutzung, oftmals unfreiwilligem Wandel, einer Vielzahl überlappender Rechts- und Besitzverhältnisse und alltäglichem, lokalem Brauchtum geprägt ist - der "vernakulären" Landschaft -, und der Renaissancelandschaft: Von stabileren, großräumigen Besitz-, Macht- und Rechtsverhältnissen durchdrungen, ist diese auf die visuelle Repräsentation einer schönen Ordnung angelegt.

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