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: Hört auf, in seinem Namen den Skeptizismus zu predigen

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Viel zitiert und viel gescholten ist Hegels Satz, Kant gleiche mit seinem erkenntniskritischen Unterfangen jenem Scholastikus, der schwimmen lernen wollte, ohne ins Wasser zu gehen. Die philosophisch Linken wie die philosophisch Konservativen haben den Ausspruch als autoritativen Beleg genommen, ...

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          Viel zitiert und viel gescholten ist Hegels Satz, Kant gleiche mit seinem erkenntniskritischen Unterfangen jenem Scholastikus, der schwimmen lernen wollte, ohne ins Wasser zu gehen. Die philosophisch Linken wie die philosophisch Konservativen haben den Ausspruch als autoritativen Beleg genommen, daß Kant nur formal, nicht sachhaltig philosophiere, die Liberalen haben darin ein Zeichen für Hegels unkritische, dogmatische Haltung gesehen. So einfach kann es sich mit dem Gegensatz von Kant und Hegel freilich kaum verhalten. Kant glaubt in der "Kritik der reinen Vernunft" alles Wesentliche für ein System der Metaphysik - "die Vollendung aller Kultur der menschlichen Vernunft" - versammelt. Hegel will mit der "Wissenschaft der Logik" Kants transzendentale Logik vollenden, und seine politische Philosophie basiert auf ebendem "freien Willen, der den freien Willen will", den Kant als Grundlage herausgearbeitet hatte. Daß Kant ein Trockenschwimmer sei, meint dann nur, er hat den Prinzipien der Synthesis a priori und der Autonomie des Willens, auf denen auch Hegel fußt, nicht ausreichend materiale Geltung verschafft. Deshalb unternimmt Hegel in der "Wissenschaft der Logik" eine kritische Prüfung aller historisch relevanten Grundbegriffe der Philosophie wie der damaligen Fachwissenschaften. Und in der Rechtsphilosophie wie in der Geschichtsphilosophie untersucht er die Institutionen der Freiheit und ihr Werden.

          Kant und Hegel eint das Bemühen um eine moderne Metaphysik. Moderne, von der Subjektivität ausgehende Metaphysik, das ist das Projekt der klassischen deutschen Philosophie, mit der klassischen Musik und der Literatur der Klassik sozusagen Deutschlands Beitrag zur Geschichte des Weltgeistes. Kants zweihundertstes Todesjahr 2004 wäre Anlaß, an es zu erinnern. Doch seit der Kritik am Deutschen Idealismus, seit Feuerbach, Kierkegaard, Marx, wurde aus dem "Kant und Hegel" ein "Kant oder Hegel". Zum Schaden beider Seiten. Die an Hegel ausgerichteten Köpfe erlagen der Geschichtsphilosophie. Statt zuerst nach der Wahrheit eines Gedankens, der normativen Richtigkeit von Handlungen zu fragen, galt es, deren historischen Ort zu bestimmen (bürgerlich, bewußtseinsphilosophisch und so weiter). Die von Kant ausgehende Tradition umgekehrt zog sich mit ihrer Suche nach Allgemeinheit und Notwendigkeit vor den Ergebnissen der Naturwissenschaften und den konkreten Aufgaben von Politik und Gesellschaft in immer formalere Begriffe zurück. So stehen heute in der Philosophie abstrakt-allgemeine geschichtsphilosophische Entwürfe (Ende der Geschichte, Verwindung der Metaphysik, Dialektik der Aufklärung) abstrakt-allgemeinen Prinzipien gegenüber (Nicht-Widerspruchsprinzip, Autonomie des Willens, Schönheit als freies Spiel der Erkenntniskräfte).

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