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: Hörerstruktur fürs Leichte

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Die Musikwissenschaftlerin Nina Polaschegg hat dem stadienfüllenden Walzergeiger André Rieu, dem Sänger Helmut Lotti und dem Violinisten Nigel Kennedy eine soziologische Studie gewidmet, die als Dissertation an der Universität Hamburg angenommen wurde. Auf der Suche nach dem Wesen der "populären ...

          Die Musikwissenschaftlerin Nina Polaschegg hat dem stadienfüllenden Walzergeiger André Rieu, dem Sänger Helmut Lotti und dem Violinisten Nigel Kennedy eine soziologische Studie gewidmet, die als Dissertation an der Universität Hamburg angenommen wurde. Auf der Suche nach dem Wesen der "populären Klassik" und ihren Wirkungen hat sie die Hörerstruktur des Konzertpublikums unter die Lupe genommen, das Programm des privaten "Klassik Radio" untersucht und mehrere CD-Reihen mit popularisierter Klassik ("Musik für schöne Stunden" und so weiter) begutachtet. Sie fragt, inwieweit anhand solcher Phänomene Verschiebungen "kultureller Wertigkeiten" zu beobachten sind, gar ein Legitimationsverlust der traditionellen Hochkultur zu beklagen ist.

          Das Thema kann Interesse beanspruchen, das hier aber nur partiell befriedigt wird. Von einer wissenschaftlichen Arbeit, die sich mit für alle sichtbaren kulturellen Phänomenen befaßt, darf man erwarten, daß sie Erkenntnisse zutage fördert, die dem Durchschnittsbeobachter verborgen bleiben. Die Beobachtungen der Autorin gehören weithin nicht dazu. Wenigstens möchte man wissen, ob die eigenen Feststellungen durch eine Untersuchung, die sich auf eine breite Datenbasis stützt, bestätigt werden. Leider kann Polascheggs Arbeit diese Aufgabe nicht leisten, denn ihr empirischer Ehrgeiz erschöpfte sich im Besuch von drei Konzerten in Hamburg im Jahr 2000. Ursprünglich wollte sie auch ein Konzert der leichtbekleideten Vanessa Mae besuchen, aber die ging im "Erhebungszeitraum nicht auf Tournee".

          Nach den Konzerten mischte sich Polaschegg auf der Suche nach Interviewpartnern unters Publikum und fand sechzehn Personen, die sich zu Gesprächen, die später meist bei den Befragten zu Hause stattfanden, bereit erklärten. Zu einem siebzehnten Gespräch mit einem Besucher eines Konzerts von Helmut Lotti kam es nicht, denn "ein älterer Herr schien die Verabredung vergessen zu haben und war nicht zu Hause. So konnten leider nur Besucherinnen befragt werden."

          Und dann auch noch im Falle Lottis: "Leider konnte die Autorin das Konzert, das die Befragten besucht haben, nicht besuchen. Es war schon Monate vorher ausverkauft . . . Ein Besuch des Konzerts der vorhergehenden Tournee bot vergleichbares Material." So honorig Nina Polascheggs Ehrlichkeit in bezug auf die Dürftigkeit der ihr zur Verfügung stehenden Daten ist, so verdrießlich stimmt das Ergebnis. Entweder man macht es richtig, oder man läßt es. Dennoch hat Nina Polaschegg dieses Buch geschrieben und aus ihren Untersuchungen Schlüsse gezogen.

          Drei Typen von Konzertbesuchern lassen sich der Autorin zufolge unterscheiden: Die einen hören populäre Klassik "als Flucht" vor der "traditionellen" Klassik, wobei die Selbstillusion eines Klassikhörers aufrechterhalten werden soll. Die anderen rezipieren diese Musik wie Pop als von der Klassik unabhängige, leichte Unterhaltung, die dritten genießen sie als bewußte Abwechslung zur klassischen Musik. In allen drei Fällen leiste populäre Klassik nicht das, was ihr von ihren Initiatoren häufig zugeschrieben werde: nämlich in der Klassikrezeption noch ungeübte Hörer zur "traditionellen" Klassik hinzuführen. Wahrscheinlich hat Polaschegg mit letzterem recht. Ihre Typologie ist anfechtbar. Nigel Kennedy ist als Musiker mit klassischem Repertoire nicht mit Lotti und Rieu zu vergleichen. Indem Polaschegg sehr verschiedene Formen von Musik unter dem Begriff der "populären Klassik" vereint, konstruiert sie zugleich aus den verschiedenen Publika - nicht ganz zulässig - ein Publikum der populären Klassik, um ihre Typologie entwickeln zu können.

          Wer als Musiksoziologe tragfähige Thesen über die Veränderungen von Hörerstrukturen und Hörgewohnheiten aufstellen will, muß nicht nur über eine breite Datenbasis, sondern auch über profundes historisches Wissen verfügen. Nina Polaschegg hat sich darauf beschränkt, ihren Erhebungen ein kurzes Kapitel über die "Entwicklung der Popularmusik im neunzehnten Jahrhundert" voranzustellen, das summarisch ausgefallen ist.

          Polascheggs Problem besteht darin, auf der Grundlage einiger in einem einzigen Jahr genommener Stichproben einen "Wandel" beschreiben zu wollen. Die an sich notwendige Langzeitstudie ersetzt sie durch gewagte Behauptungen: "Die (nicht nur) in der westlichen Welt über viele Jahrhunderte tradierte Trennung zwischen einer wertvollen Hochkultur und einer bestenfalls hinzunehmenden Massenkultur scheint ausgedient zu haben." Historiker könnten mit guten Gründen hinter jeden Begriff in diesem Satz ein Fragezeichen setzen.

          MICHAEL GASSMANN

          Nina Polaschegg: "Populäre Klassik - Klassik populär". Hörerstrukturen und Verbreitungsmedien im Wandel. Böhlau Verlag, Köln 2005. 272 S., geb., 34,90 [Euro].

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