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Hörbuch für Zeitreisende : Sie könnten Ihren Urlaub durchaus überleben

Ringelpiez mit Steinen: Ein Besuch in der Vergangenheit könnte Aufschluss geben über das Rätsel von Stonehenge. Bild: Reuters

Wohin soll man denn noch reisen, wenn man schon überall war? Kathrin Passig und Aleks Scholz liefern originelle Lösungen für dieses Hipster-Problem: Der Ort ist egal, die Zeit entscheidend.

          3 Min.

          Sehr wahrscheinlich wird niemand dieses Buch jemals brauchen. Denn selbst wenn man mal von sämtlichen physikalischen Hürden absieht, nennen die Autoren selbst den besten Hinweis darauf, dass Zeitreisen auch in der Zukunft nie möglich werden: Dann gäbe es nämlich in unserer Gegenwart Vergangenheitstourismus, und wir wären schon Zeitreisenden begegnet. Dass dem nicht so ist, lässt nur drei Schlüsse zu: Erstens, Zeitreisen bleiben tatsächlich unmöglich. Zweitens, die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik löst alle logischen Probleme dieses Gedankenexperiments: Die Zeitreisenden sind eben nicht hier bei uns, sondern in einer Parallelwelt bei anderen Versionen von uns. Oder aber, drittens, die Zeitreisenden der Zukunft haben alle diesen Ratgeber gelesen und sind dadurch so gut vorbereitet, dass sie unerkannt bleiben.

          Das „Handbuch für Zeitreisende: Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer“ von Kathrin Passig und Aleks Scholz geht nämlich vom Unwahrscheinlichen aus. Es ist geschrieben für eine Zeit, in der die offensichtlichsten Reisen in die Vergangenheit (der Hof von Versailles oder die Bahamas, als Kolumbus dort anlandet) bereits als unoriginell gelten. Also für den Übergang von der Pauschalreise zum Individualtourismus, denn es gebe so viel zu entdecken: „Die Vergangenheit ist kein Entwicklungsland und nicht nur eine etwas dümmere Version der Gegenwart“, verkündet der Sprecher Matthias Matschke ernst.

          Bloß nicht zu nah kommen

          Es handelt sich hier also um ein klares Genrebuch, nämlich einen Reiseführer. Entsprechend ist es auch aufgebaut: Nach einer Einleitung werden die besten Ziele vorgestellt, am Ende folgen Empfehlungen, wie man sich verhalten, kleiden und ernähren sollte. Das funktioniert dort am besten, wo die Autoren den Reiseführerjargon voll zum Einsatz bringen. Sie empfehlen etwa den Einschlag des Asteroiden Chicxulub auf Yucatán vor 66 Millionen Jahren, der für das Aussterben der Dinosaurier mitverantwortlich gemacht wird und einen Krater von 180 Kilometern Durchmesser hinterließ.

          Ein touristisch reizvolles Ereignis, doch „als Zeitreiseziel ist diese Katastrophe nicht unproblematisch“, heißt es da – unter anderem, weil der Termin nicht genau bekannt ist. Der Reisende möge sich ihm vorsichtig annähern und dabei geographisch auf keinen Fall zu nah kommen. „Im Abstand von etwa tausend Kilometern sterben Sie sofort“, informiert das Handbuch unverblümt, auch weiter weg sind da noch die Druckwelle und der Steinschlag zu befürchten. 5000 Kilometer scheinen ein sicherer Abstand zu sein, und selbst dabei erlebt man noch schwerere Erdbeben, als seit der Einführung der Richterskala gemessen wurden. „Das mag abschreckend und unbequem klingen. Aber theoretisch könnten Sie Ihren Urlaub durchaus überleben!“

          Die Straßen sind ein Erlebnis

          Dieses Kapitel unterscheidet sich stark von ein paar anderen, bei denen man eher das Gefühl hat, einen Wikipedia-Artikel vorgelesen zu bekommen. Passig und Scholz empfehlen etwa Reisen zu den Weltausstellungen und zählen deren Vorzüge auf. Selbst gelegentliche Scherze gehen beim Hören schnell verloren, wenn man einmal auf der Wahrnehmungsebene der brottrockenen Informationen angekommen ist.

          Deutlich lockerer ist das Kapitel zur DDR ausgefallen: „Man muss nicht weit in die Vergangenheit reisen, um fremde, bizarre Welten zu entdecken.“ Die Anwesenheit von Fremden bleibe zwar selten unbemerkt und ungemeldet, deshalb solle man alle paar Tage den Ort wechseln und sich nicht leichtfertig mit Menschen anfreunden. Dafür seien die Straßen voller Schlaglöcher ein echtes Erlebnis – und die Gesellschaftsordnung wirke, ganz oberflächlich betrachtet, wie ein Zukunftstraum.

          Das Umfeld einiger Forscherinnen empfehlen die Autoren für eine Studienreise ebenso wie das mittelalterliche Island, auch wenn die Nahrungslage dort zum Ende des Winters etwas schwierig werde. Reisende könnten außerdem wichtige Informationen in ihre Welt mitnehmen, indem sie etwa herausfinden, wie die Orgel von Bach klang. Vor der Idee, einfach in der idealisierten Vergangenheit zu bleiben, warnen die Verfasser eindrücklich. Das sollte auch für normale Reiseführer gelten, denn die menschliche Natur kommt mit Verbesserungen hervorragend zurecht, aber nicht mit Verzicht, und schon bei der Beschreibung der kalten Gemäuer der Vergangenheit kann es einen in der warmen Wohnung frösteln. Die Vergangenheit mit dem Wissen der Zukunft zu verbessern ist auch nicht so leicht, wie man denken würde. Oder wüssten Sie jetzt spontan, wie man ein Telefon erfindet? Ein paar wichtige Benimmregeln runden den Reiseführer ab: Bloß nicht vor dem König durch eine Tür gehen! Wegen schlechter Tischmanieren aufzufallen wäre im Mittelalter hingegen ein eher anspruchsvolles Unterfangen.

          Mit seinem Spagat zwischen Wissenschaft und Nonsense reiht sich das Handbuch trefflich ein ins gemeinsame OEuvre der Autoren, die bereits „Das Lexikon des Unwissens“ und „Verirren. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene“ miteinander verfasst haben. Schade eigentlich, dass sie zum Schluss noch einmal erklären, dass das alles nicht recht umsetzbar ist. Schließlich hat sich der Zuhörer zuvor zweieinhalb Stunden lang von der immer attraktiver werdenden Phantasie mitreißen lassen. Immerhin: Falls die Gelegenheit eines Tages doch kommen sollte, sind die Leser dieses Buches gut auf ihre Reise vorbereitet.

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