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Mai Thi Nguyen-Kim bei der Verleihung der Grimme Online Awards 2018 Bild: dpa

Chemie-Youtuberin Nguyen-Kim : Sie hat noch eine Reaktion am Laufen

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Laborberichte: Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim erzählt in ihrem Hörbuch „Komisch, alles chemisch“ von den Wundern der Moleküle.

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          Für die meisten Menschen, stellt Mai Thi Nguyen-Kim fest, sei „die Chemie böse, giftig, künstlich. Oder ein verhasstes Schulfach, das man nicht schnell genug abwählen konnte.“ Dieser Antipathie mit allen Kräften ihres eigenen Enthusiasmus entgegenzuwirken – das ist die Mission der jungen Wissenschaftsjournalistin und promovierten Chemikerin, deren Youtube-Kanal „maiLab“ im vergangenen Jahr mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.

          Die Wissenschaft ist zu interessant, um sie den Fachleuten zu überlassen – so ihre Devise, die nach zahlreichen Videos nun auch ihr erstes Buch und Hörbuch „Komisch, alles chemisch!“ bestimmt. Weil alles Chemie ist, siedelt die 1987 in Heppenheim geborene Autorin ihre Erläuterungen im Naheliegendsten an: dem eigenen, offenherzig geschilderten Alltag. Er beginnt mit dem Aufwachen, also mit Biochemie: Schlafhormone und Wachmacherhormone, Melatonin und Adrenalin. Dann geht es ins Badezimmer. Wie oft hat man auf der Zahnpasta gelesen, dass Fluorid darin sei, und sich nie darum geschert, was dieser Stoff eigentlich bewirkt. Hier nun werden die Festigungs-Vorgänge am Zahnschmelz nachvollziehbar erklärt, mit der Pointe, dass wir durch das Fluorid eine Art Haifischzahn-Effekt bekommen.

          In der Küche geht es dann um eine andere Verbindung mit Fluor – die Teflonbeschichtung der Pfanne, in der das Frühstücks-Spiegelei brät. Womit wir bei den Proteinen wären. Zwischendurch wird aufs Handy geschaut und das Indiumzinnoxid erklärt, der transparente Halbleiter, der beim Smartphone den Touch in den Screen bringt. So geht es durch den Tag, bis am Ende des Hörbuchs gekocht (nichts als Chemie!) und Wein getrunken wird, wobei die Autorin ihre eigene genetisch bedingte Alkoholunverträglichkeit, die sie mit vielen Südostasiaten teilt, zum Anlass nimmt, um wieder Biochemie zu treiben: das Wirken der Enzyme, der Bio-Baukasten der Aminosäuren.

          Das prägt sich ein

          Das Hörbuch bietet viele interessante Antworten, aber noch schöner ist, dass es Lust aufs Fragen macht. Zum Beispiel: Wie funktioniert Seife? Das Entscheidende sind die Tenside; sie haben eine Molekülstruktur mit einem hydrophilen und einem lipophilen Ende. Die fettliebende Seite verbindet sich mit dem Talg und Schmutz, und dank der wasserliebenden Seite lässt sich das dann gut abwaschen. Alle Tenside bilden eine Mizellen-Form, und wenn man das erst einmal weiß, kann man nur schmunzeln über die Chuzpe von Marketingstrategen, die Gesichtslotionen neuerdings anpreisen mit Formeln wie „schonende Reinigung durch Mizellentechnologie“. Das klingt wie: Wasser, jetzt auch nass! Zur Aufklärungsmission der Chemikerin gehört es, über solche Tricks zu informieren, die die „Chemieunwissenheit“ der Mehrheit ausnutzen.

          Immer wieder findet Mai Thi Nguyen-Kim Vergleiche und Formulierungen, die komplizierte Sachverhalte anschaulich machen, etwa wenn sie die unterschiedliche Wärmeleitung von Holz und Metall mit verschiedenen Klettergerüsten auf dem Spielplatz erklärt: hier feste Gestänge (schlechte Wärmeleitung), dort ein schwingendes Seilgeflecht (gute Wärmeleitung). Oder wenn sie darlegt, wie Antioxidantien wirken, zum Beispiel der Zitronensaft, den man auf geschnittene Äpfel träufelt, damit sie durch den Sauerstoff nicht braun werden. Ein Antioxidans verhindere Oxidationen, „weil es selbst besonders gut und gern mit Sauerstoff reagiert. Märtyrerhaft wirft es sich in die Schusslinie und ruft: ,Lass die Polyphenole in Ruhe! Nimm mich!’“

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