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: Höllenfahrt der Selbsterkenntnis

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Johann Georg Hamann, Packhofverwalter, aber auch Journalist und Literat in Königsberg, und sein Zeit- und Ortsgenosse, der Philosoph Immanuel Kant, anerkannten, förderten und ironisierten sich wechselseitig. Kant verschaffte Hamann eine erste kleine Lebensstellung als Übersetzer bei dem mit französischen Fachleuten besetzten Zoll.

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          Johann Georg Hamann, Packhofverwalter, aber auch Journalist und Literat in Königsberg, und sein Zeit- und Ortsgenosse, der Philosoph Immanuel Kant, anerkannten, förderten und ironisierten sich wechselseitig. Kant verschaffte Hamann eine erste kleine Lebensstellung als Übersetzer bei dem mit französischen Fachleuten besetzten Zoll. Hamann trug zu Kants Erwachen aus dem "dogmatischen Schlummer" bei, als er 1771 die "Nachtgedanken eines Zweiflers" aus David Humes "Treatise of Human Nature" übersetzte und veröffentlichte. Inzwischen tauschten sie ihre Publikationen aus, trafen beim Kaufmann Green oder beim Bürgermeister Hippel aufeinander und schüttelten wohl auch die Köpfe übereinander. Kant über die verschlüsselten kleinen Schriften des bekehrten Christen Hamann, Hamann über die Vernunftzugewandtheit des "Metaphysikers" Kant.

          Ernst wurde es, als Kant mit der Ausarbeitung seiner "Kritik der reinen Vernunft" begann. Hamann leitete die Publikation des Werkes seinem eigenen Verleger Hartknoch in Riga zu. Dafür bat er sich - ohne Wissen Kants, aber auch ohne Hintergedanken und aus bloßer Neugierde - die Druckfahnen aus. Anfang Mai 1781 hatte Hamann die meisten Bogen in der Hand (Kant bekam auch nicht mehr). Er war damit der erste Leser der "Kritik der reinen Vernunft". Ende August erhielt er von Kant ein Dedikationsexemplar. Schon am 1. Juli 1781 hatte Hamann eine Rezension des Kantschen Werkes entworfen. Er ließ sie ungedruckt liegen. Danach bewegte er den Plan einer umfangreicheren "Metakritik". Das Wort hat Hamann erfunden. Anfang Oktober 1783 und Ende Januar 1784 wird sie niedergeschrieben. Auch sie hat Hamann nicht veröffentlicht. Es scheint, als sei er nicht ganz zufrieden gewesen. Er gab aber Ende 1784 eine Abschrift an Herder, der den Text seinerseits Friedrich Heinrich Jacobi mitteilte. Veröffentlicht wurde die "Metakritik" im Jahre 1800 durch den Königsberger Kantianer Friedrich Theodor Rink und die Rezension 1801 durch den Frühkantianer Carl Leonhard Reinhold. Woher sie die Texte hatten, ist bis heute unklar. 1824/25 endlich konnte man beide Texte im sechsten und siebenten Teil der Rothschen Hamann-Ausgabe lesen.

          Worum handelt es sich? David Hume hatte unter der Voraussetzung, daß das Denken auf äußeren und inneren sinnlichen Eindrücken beruht, nach der Fähigkeit der Vernunft gefragt, Gesetzmäßigkeiten und das sie Tragende zu erkennen. Zu seinem eigenen Mißbehagen hatte er sich damit zufriedengeben müssen, etwa das Gesetz der Verknüpfung von Ursache und Wirkung oder das kontinuierliche Vorhandensein des Bewußtseins von einem Selbst auf Gewöhnungen der Einbildungskraft zurückzuführen. Durch den reinen Verstand - so Hume in Hamanns Übersetzung - erhält man "nicht den geringsten Grad der Evidenz weder in der Philosophie noch in dem gemeinen Leben". Kants "kopernikanische Wende" bestand darin, ebendiesem "reinen Verstand" mit seinen Anschauungsformen, Verstandesbegriffen und Verknüpfungsgesetzen die Fähigkeit zum Zustandebringen jener unbedingten Geltungen zuzusprechen, die Hume in der bloßen Einbildungskraft nicht hatte finden können.

          Zwischen Hume und Kant befindet sich Hamann. Er bejaht beider Absage an einen Dogmatismus von Begriffsbildungen ohne konstitutiven Erfahrungsbezug. Er verneint allerdings vehement Kants zunächst geradezu befreiende These von der "reinen" Vernunft, die als solche die Fähigkeit habe, das Material der Anschauung zu evidenten Gesetzmäßigkeiten zu verknüpfen. Die Vernunft sei nicht "rein". Sie sei auf die Sprache angewiesen und an sie gebunden. An Jacobi heißt es 1783 zusammenfassend: "Ich . . . halte mich jetzo an das sichtbare Element, an dem Organo oder Criterio - ich meyne Sprache. Ohne Wort keine Vernunft - keine Welt."

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