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Hitlers Privatbibliothek : Kaum Schöngeistiges

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Bild: Alfred A. Knopf Publisher

Bücher als Nahrung für den Wahnsinn: Timothy W. Ryback hat sich in Hitlers Bibliothek umgesehen und dessen Leseverhalten analysiert. Welche Bücher hat Hitler warum und mit welchen Folgen gelesen?

          Hitler las viel, doch seine Büchersammlung hat bislang kaum jemanden interessiert. Selbst Ian Kershaws voluminöse Biographie geht nicht auf Hitlers Bibliothek ein, deren Reste sich heute in der Library of Congress befinden. Dabei eröffnen die Bücher mit ihren zahllosen Anstreichungen und seltenen Marginalien einen Einblick in Hitlers Gedankenwelt.

          Nun liegt eine Monographie zu diesem Thema vor. Ihr Autor, Timothy W. Ryback, hat jahrelang recherchiert, um die Geschichte von Hitlers Bibliothek offenzulegen, die einst in der Reichskanzlei und auf dem Berghof bei Berchtesgaden repräsentativ aufgestellt war. Im Herbst 1942 zählte sie mehr als 16.000 Bände, von denen 1.200 über Umwege nach Washington gelangten.

          Lesen für den Nutzwert

          Die Widmungen in den Geschenkexemplaren sind meist byzantinisch. So versah der Hausintendant der Reichskanzlei Artur Kannenberg eine Schlieffen-Biographie mit dem „Motto: ,so-oder-so'“, das Hitler selbst gern gebrauchte. Gelegentlich näherte man sich auch dem „Führer“ mit devoten Versen von zweifelhaftem dichterischen Wert. Dies ist gewiss mentalitätsgeschichtlich aufschlussreich, doch noch wichtiger dürfte es sein, dass Hitlers Büchersammlung seine geistigen Interessen spiegelt. Neben zahllosen Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg findet sich nationalsozialistisches Bekenntnisschrifttum und militärische Gebrauchsliteratur.

          Hitlers Lektüre wurde durch Nützlichkeitserwägungen bestimmt. Schon früh erarbeitete sich der Autodidakt Bestandteile seines Weltbilds, und stets suchte er nach Waffen für den politischen Kampf. Dementsprechend zielgerichtet war Hitlers Umgang mit Büchern, in denen ideologisch attraktive Passagen mit präzisen Unterstreichungen markiert sind. Schöngeistige Werke finden sich hingegen kaum in der „Hitler Library“. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt die Übersetzung „Peer Gynts“ von Dietrich Eckart dar, die er „s(einem) l(ieben) Freund Adolf Hitler“ 1921 dedizierte. Doch in der Regel ist der Nutzwert wie bei „Heigls Taschenbuch der Tanks“ mit Händen zu greifen.

          Weltanschauliches und Okkultes

          Beträchtliche Skepsis hegt Ryback, was die Annahmen über Hitlers philosophische Studien angeht. So liege kein Beweis für Hitlers Behauptung vor, er habe während der Landsberger Haft Kant, Schopenhauer und Nietzsche gelesen. In den Washingtoner Beständen von Hitlers Bibliothek seien diese Denker bezeichnenderweise nicht vertreten. Angesichts der hohen Verluste bleibt hier jedoch ein quellenkritischer Zweifel bestehen. Immerhin befanden sich auf dem Berghof eine Schopenhauer-Büste und ein Exemplar von Graciáns „Handorakel“ - ein Buch, das der Danziger Philosoph sehr schätzte. Unbestreitbar ist hingegen Hitlers Vorliebe für Weltanschauungsschriftsteller und fanatische Antisemiten wie Hans F. K. Günther und Henry Ford. Besonders intensiv studierte Hitler die „Deutschen Schriften“ Paul de Lagardes, die mit An- und Unterstreichungen übersät sind. In dem Göttinger Gelehrten hatte er einen radikalen Nationalisten gefunden, der die Juden in düsterer Sprache für die Übel der Welt verantwortlich machte und dies mit kühnen historischen Annahmen zu begründen wusste.

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