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Detailaufnahme eines amerikanischen Flugfunkgerätes aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs Bild: Marcus Kaufhold

Deutsch-amerikanische Historie : Amateurfunker im Rauschen des zwanzigsten Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

Morsesignale in die Gegenwart: Ulla Lenzes Roman „Der Empfänger“ erinnert an ein vergessenes Kapitel deutsch-amerikanischer Geschichte.

          3 Min.

          Ulla Lenzes „Empfänger“ hat viele Deck- und Necknamen, dabei trägt er den Allerweltsnamen schlechthin: Er heißt Josef Klein, in Amerika auch „Joe“, zuletzt, in Südamerika „José“. Josef Klein war der Bruder von Lenzes Großvaters, aber der Name passt schon: Wo immer das Schicksal ihn hinwehte, war er der kleine Mann aus Neuss, gerade mal 1,63 Meter groß, eine Randfigur der großen Geschichte. Und mehr wollte der leidenschaftliche Amateurfunker auch eigentlich nicht sein: unsichtbare Stimme im Rauschen der Frequenzen, passiver Weltempfänger, nicht aktiver Sender.

          1924 wanderte Josef nach Amerika aus. New York überwältigt und erschlägt ihn, aber er fasst nie richtig Fuß. Er bleibt der kleine Hobbyfunker, der Druckereigehilfe aus dem Dunstkreis der großdeutschen Gemeinde. 1939 wird er vorübergehend wichtig, und das bekommt ihm nicht gut: Josef baut, angeblich ahnungslos, ein mobiles Funkgerät für den berüchtigten Nazi-Spionagering, der mit Filmen wie „Confessions of a Nazi Spy“ (1939) und „The House on 92nd Street“ (1945) in die Hollywood-Mythologie einging. Mit fünf Jahren Gefängnis kommt er relativ glimpflich davon, auch weil er sich als Spion umdrehen ließ und sein Prozess vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten stattfand.

          Ulla Lenze: „Der Empfänger“
          Ulla Lenze: „Der Empfänger“ : Bild: Klett-Cotta

          Nach seiner Haftentlassung – an diesem Punkt setzt Lenzes Geschichte ein – kehrt Josef vorübergehend nach Neuss zurück. Deutschland ist ihm fremd geworden, und die Zuhausegebliebenen mögen die heimkehrenden Emigranten nicht. Carl ist ein Wirtschaftswunderspießer, ordentlich, misstrauisch, unbelehrbar; die unerklärte Zuneigung zu seiner schönen, kühlen Frau macht Josef das Bleiben unmöglich. Er zieht weiter nach Argentinien, ins Zufluchtsland der untergetauchten Nazis, dabei will er auch jetzt nicht mit den alten Kameraden paktieren. So treibt er immer weiter ins Abseits, bis sich seine Spur 1953 im Dschungel Costa Ricas verliert. Sein großes Ziel, die Wiedereinbürgerung in die Vereinigten Staaten, wird Klein nie erreichen.

          Er bewundert und liebt schwarze Jazzmusik, Hochhäuser, die Vielfalt der Immigranten, aber er ist zu schüchtern, um sich in den brodelnden Strudel des melting pot zu stürzen. Thoreaus „Walden“ ist seine Bibel, New York seine Traumstadt, aber nachts denkt er heimlich an Deutschland. Die Massenaufmärsche der Nazi-Sympathisanten im Madison Square Garden 1939 erlebt er allerdings nur als skeptischer Zaungast. Ihre Führer, großmäulige kleine Hitlers wie Fritz Joubert Duquesne, Schmuederrich oder Fritz Kuhn, sind ihm nicht geheuer, aber als sie den Tüftler Klein bitten, ab und zu kryptische „geschäftliche“ Nachrichten heim ins Reich zu morsen, stellt er keine Fragen. Anders seine Freundin, die selbstbewusste junge Lauren: Die resolute Patriotin wird Joe ans FBI verraten, weil er es selbst nicht schafft, Position zu beziehen.

          Trotzige Heimattreue

          Man braucht kein besonders feines Ohr, um die Signale zu hören, die „Der Empfänger“ in die Gegenwart sendet. Josef Klein ist der exemplarische Mitläufer, ein heimatloser, entwurzelter Nerd, hin- und hergerissen zwischen den globalen Synkopen des Jazz und dem deutschen Dumpfsinn von Blasmusik, Sauerkraut und Bier im „Alt-Heidelberg“, zwischen trotziger Heimattreue und dem Wunsch nach Ausbruch und Verwandlung. Ulla Lenze hat in ihrem Werk immer wieder Wunder und Glück der Globalisierung beschrieben, aber auch deren Kosten und Opfer nie unterschlagen. Reisen und Schreiben, Fremdheit erfahren und literarisch reflektieren, waren für sie seit jeher eins. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr war sie unterwegs, erst als Rucksacktouristin in Indien, später dann auch als Stadtschreiberin in Damaskus, Writer in Residence in Istanbul und Goethe-Stipendiatin in Mumbai. In bislang vier Romanen erzählte sie von den Krisen und interkulturellen Konflikte, die westliche Besucher abseits touristischer Routen und Routinen erleben.

          In „Der kleine Rest des Todes“ hatte sie sich mit dem Tod ihres Vaters auseinander, jetzt hat Lenze den Familien- und Globalisierungsroman an einen historischen Stoff anzudocken versucht. Auf drei Zeitebenen – 1939, 1949, 1953 –, mit großem Einfühlungsvermögen und kurzen lakonischen Sätzen, nähert sie sich einer verlorenen Seele in der Fremde und einem weithin vergessenen Kapitel deutscher Geschichte an. Aber die Hauptfigur bleibt zu blass und passiv, um die Geschichte zu beleben: Josef Klein ist ein Mann fast ohne Eigenschaften, ein naiver Tagträumer ohne Leidenschaften und Meinungen. Lenze insistiert in einer Vorbemerkung, dass er ihre literarische Erfindung sei, auch wenn der Roman auf der Lebensgeschichte und den Briefen ihres Großonkels beruhe. Aber der Hobbyfunker, der wie aus Versehen Nazispion wird, bleibt trotz weltumspannender Funk- und Morseverbindungen eine Figur von begrenzter historisch-literarischer Reichweite und Wellenlänge.

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