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Rassismus in Amerika : Unterjocht

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Rassisten sagen niemals offen, dass sie Rassisten sind. Ibram X. Kendi folgt der Spur der großen Schande in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Bild: Daniel Stolle

Zorniges Manifest: Der amerikanische Historiker Ibram X. Kendi verspricht die definitive Geschichte des Rassismus – aber liefert sie nicht.

          5 Min.

          Mit seiner „wahren Geschichte des Rassismus“ in den Vereinigten Staaten hat der Historiker Ibram X. Kendi ein denkwürdiges, da in hohem Maße ambivalentes Buch vorgelegt. „Stamped from the Beginning“, so der Originaltitel, trug ihm im vergangenen Jahr den National Book Award in der Kategorie Sachbuch ein.

          Auf der einen Seite handelt es sich um eine materialreiche, gut lesbare und weit ausholende Darstellung eines finsteren Kapitels nicht allein der nordamerikanischen Geschichte – wenn man etwa bedenkt, dass das Gros der überwiegend aus Westafrika verschleppten Sklaven in Brasilien und der Karibik verkauft wurden. Dies ändert allerdings nichts an dem Leiden all jener mehr als dreihunderttausend Afrikaner, die sich am Ende ihrer Odyssee in den dreizehn britischen Festlandkolonien und dort bei weitem nicht nur im Süden der großgrundbesitzenden Plantagenaristokraten, sondern ebenso in New York, Boston und Rhode Island wiederfanden.

          Die historische Forschung hat, seitdem in den fünfziger und sechziger Jahren der alte Mythos von der vergleichsweise humanen und paternalistischen angelsächsischen Sklavenhaltung, der einzig die wohlwollende Selbstsicht der Sklavenhalter wiedergab, zusammengebrochen war, herausgearbeitet, wie grausam der Umgang mit Zwangsarbeitern in den Vereinigten Staaten war.

          Nicht minder bekannt ist die Gewalt, mit welcher bis weit ins zwanzigste Jahrhundert das System der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten aufrechterhalten wurde. Mehr als dreitausend Lynching-Opfer allein zwischen 1890 und 1920 sprechen da eine überdeutliche Sprache. Kendis Werk beschränkt sich nicht einfach darauf, diese altbekannten Fakten zusammenzufassen und einfach nur zu wiederholen. Er will tiefer schürfen, indem er nach den geistigen Wurzeln des Rassismus fragt. Dabei greift er bis auf die Theorien des Aristoteles über die natürliche Ungleichheit der nichtgriechischen Menschen zurück, die in späteren Jahrhunderten gerne als wissenschaftlicher Beleg für die Naturhaftigkeit der längst etablierten Institution der Sklaverei herangezogen wurden.

          Zu Recht merkt er indes an, weder Aristoteles noch seine Rezipienten im Mittelalter und der Frühneuzeit seien im strengen Sinn Rassisten gewesen, da sich das Konzept fester Rasseordnungen erst im Laufe der späteren Frühneuzeit mit dem Aufkommen der marktkapitalistischen schwarzen Sklaverei in den Amerikas verdichtete, wobei britischen Theologen und Aufklärungsphilosophen eine federführende Rolle zufiel. Tatsächlich, und dies blendet Kendi sonderbarerweise aus, entwickelte sich das theologische Motiv von der Verfluchung Hams und Kanaans in Genesis 9,25 in erster Linie unter anglikanischen Theologen des achtzehnten Jahrhunderts, während katholische Theologen diese Verse lange allegorisch auf die Verfluchung der Häretiker hin deuteten, obwohl gerade Spanier und Portugiesen ein ökonomisches Interesse an der theologischen Rechtfertigung der Sklaverei gehabt hatten.

          Aktivistisches Manifest und aufrüttelnde Anklageschrift

          An dieser Stelle versagen Kendis mitunter etwas flache, dem Vulgärmarxismus entlehnte ökonomistische Basis-Überbau-Deutungsmittel, da er die gesamte Ideengeschichte der Rassensklaverei auf wirtschaftliche Motive zurückführt. Theologie und Kirchengeschichte sind überhaupt sowieso nicht sein Ding. So behauptet er fälschlicherweise, die Dominikanerpatres auf Hispaniola seien nach den Predigten von P. Montesinos OP gegen die Tainosklaverei von König Ferdinand nach Spanien zurückbefohlen worden, obwohl sie nur eine Delegation zum König geschickt hatten, welche dann die Schutzgesetze von 1512 initiierte. Auch neigt er dazu, protestantische Pfarrer durchweg als Priester zu bezeichnen, was weder der katholischen noch der protestantischen Lehre entspricht.

           Ibram X. Kendi: „Gebrandmarkt.“ Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika. Aus dem Englischen von Susanne Röckel und Heike Schlatterer. Verlag C.H. Beck. Gebunden, 34 Euro.

          Auf deutlich sichererem Grunde bewegt er sich in seiner Kritik der Aufklärung. Zu Recht übernimmt er nicht den Mythos, Voltaire habe die Sklaverei gebilligt, denn der französische Vordenker der Aufklärung lehnte sie strikt ab. Dennoch war er, wie John Locke, David Hume und selbst Immanuel Kant fest von der jenseits jeglichem wissenschaftlichen Zweifel stehenden Überzeugung durchdrungen, die schwarze Rasse sei nicht nur hässlicher als die weiße, sondern stünde ihrem Wesen nach tief unter den Europäern. Deswegen schütteten die Aufklärer, die meist der Idee der Polygenese, der unterschiedlichen Herkunft der Menschenrassen, huldigten, kübelweise Hohn und Spott über Theologen, welche das monogenetische System verfochten, oft aber nicht minder rassistisch dachten und agierten als ihre philosophischen Widerparts.

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