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: Hinter jedem klugen Kopf steckt bloß ein Gehirn

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Warum müht sich einer wie Steven Pinker, der die wissenschaftliche Popkultur wie kaum ein zweiter personifiziert und weiß Gott nicht als rückwärtsgewandter Geist bekannt ist, siebenhundert Seiten lang auf einem so ausgefahrenen, abgetretenen Terrain ab wie dem alten Gene-Umwelt-Konflikt der Anthropologen? Im ersten Teil des Buches meint man eine klare Antwort zu bekommen.

          Warum müht sich einer wie Steven Pinker, der die wissenschaftliche Popkultur wie kaum ein zweiter personifiziert und weiß Gott nicht als rückwärtsgewandter Geist bekannt ist, siebenhundert Seiten lang auf einem so ausgefahrenen, abgetretenen Terrain ab wie dem alten Gene-Umwelt-Konflikt der Anthropologen? Im ersten Teil des Buches meint man eine klare Antwort zu bekommen. Engagiert, ja offenbar aufgewühlt von dem Widerstand einiger Kontrahenten aus der amerikanischen geistes- und sozialwissenschaftlichen Szene, ruft er zum Sturz einer widerspenstigen Doktrin: der Idee des "unbeschriebenen Blattes" oder der "Tabula rasa", wie John Locke die Vorstellung des menschlichen Intellekts als einem anfänglich von allen biologischen Determinanten freien, ausschließlich von Erfahrung und Erziehung zu formenden Geist bezeichnete.

          Aber schon da stellen sich die ersten Zweifel ein. Ist die geisteswissenschaftliche Welt wirklich so borniert, wie Pinker tut, das biologische Erbe und damit den Einfluß von Genen auf das menschliche Verhalten derart konsequent abzulehnen? Vielleicht sind es ja einige amerikanische Sektierer, aber im Ernst kann man schon lange nicht mehr von dem Titanenkampf zweier anthropologischer Schulen sprechen, den Pinker konstruiert. Ebensowenig wie man heute auf der evolutionär, soziobiologisch geprägten Seite den Einfluß nichtvererbbarer Faktoren bei der Ausbildung von Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen zu übersehen wagt, ist man auf seiten der Geisteswissenschaftler blind für biologische Tatsachen. Wird hier also ein Popanz aufgebaut von einem Wichtigtuer, der mit seinem "Standardwerk", wie es der Verlag selbstbewußt ankündigte, von der Debattenkultur längst überholt ist?

          So einfach liegen die Dinge bei Pinker dann doch nicht. Gewiß, schon viele andere vor ihm - und leider lernt man in dem Buch nur die amerikanische Szene kennen - haben die Arena betreten. Unter Pinkers Gleichgesinnten war es zuletzt der Harvard-Biologe Edward O. Wilson, der mit einem ähnlichen Ansinnen die philosophisch gebildete Gelehrtenwelt in Aufruhr versetzte. Während aber Wilson in einer gewagten Auslegung seiner soziobiologischen Erkentnisse für die Anthropologie nichts weniger als die Erweiterung der evolutionspsychologischen Thesen und Methoden auf sämtliche Geisteswissenschaften forderte, äußert sich Pinker im ganzen konzilianter. Offenkundig erkennt er selbst, daß die Metapher des unbeschriebenen Blattes eine zwar plakative, aber allzu leichtfertige und unzeitgemäße Vereinfachung der anderen Position darstellt. Und Pinker ist clever genug, eine "Kompromißlinie", auch wenn er die in seiner anfänglichen Angriffslust von sich weist, einzuschlagen.

          Pinker ist Kognitionsforscher am Massachusetts Institute of Technology, ein Schüler des berühmten Linguisten Noam Chomsky. Wie dieser beschäftigt er sich die meiste Zeit mit Fragen, wie der Mensch die Sprache erwirbt, welche Hirnregionen etwa bei kleinen, heranwachsenden Kindern durch den Umgang mit regelmäßigen und unregelmäßigen Verben aktiviert werden. Einer, der so intensiv mit der experimentellen Wissenschaft vertraut ist und die meiste Zeit im Labor arbeitet, kann in philosophischen Fragen kaum mehr als ein Autodidakt bleiben. Doch Pinker nimmt diese zweite, große Aufgabe der Weltendeutung sehr ernst. Damit nimmt er bewußt in Kauf, dieselbe scharfe Kritik der Gelehrten auf sich zu ziehen, der seine Freunde - und wie er Bestsellerautoren - Edward O. Wilson oder Richard Dawkins seit Jahrzehnten ausgesetzt sind.

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