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: Hinter den schneebedeckten Gipfeln des Taurusgebirges

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Es gibt sie wirklich, die Nomaden von Antalya. Nicht die Urlauber aus dem kalten Norden sind gemeint, die an den Sandstränden der türkischen Riviera ihre Lager aufschlagen. Denn nicht das Flugzeug ist das Transportmittel der wirklichen Nomaden Antalyas, sondern das Kamel. Nicht in Fünfsternehotels residieren ...

          Es gibt sie wirklich, die Nomaden von Antalya. Nicht die Urlauber aus dem kalten Norden sind gemeint, die an den Sandstränden der türkischen Riviera ihre Lager aufschlagen. Denn nicht das Flugzeug ist das Transportmittel der wirklichen Nomaden Antalyas, sondern das Kamel. Nicht in Fünfsternehotels residieren sie, sondern in Zelten aus schwarzem Ziegenhaar oder in Häusern, die diesen Zelten nachgebaut sind. Sogar ganz nahe bei Antalya, in der fruchtbaren Ebene nordöstlich der glitzernden Tourismusmetropole. Etwa in der Gemeinde Yurtpinar.

          In Yurtpinar sind weitere Yürüken des Akkoyunlu-Stamms seßhaft geworden, wenigstens teilweise seßhaft. Vollnomaden sind auch unter den Akkoyunlu kaum mehr bekannt. Dabei hatte ihr Stamm, die "Horde mit den weißen Hammeln", im fünfzehnten Jahrhundert weite Teile Anatoliens beherrscht, mit einem nomadischen Staatsgebilde, das ohne feste Hauptstadt auskam und ohne feste Grenzen. Heute leben viele Nachkommen der Akkoyunlu im Winter in der Ebene von Antalya. Im Sommer zieht es viele Großfamilien mit ihren Herden nach Norden über das Taurusgebirge, in die kühlen Hochlagen Zentralanatoliens.

          Viele Yürüken siedeln unten in der Tiefebene von Antalya. Yürüken von den Akkoyunlu, von den Karakoyunlu, von den Sarikeceli. Die einen sind ganz seßhaft geworden, die anderen haben hier ein festes Haus als Winterlager, den Sommer ("yaz") aber verbringen sie auf ihren kühlen Sommerlagern ("yayla") jenseits der schneebedeckten Gipfel des Taurusgebirges. Eine feste Adresse haben heute alle von ihnen. Nur noch auf wenige trifft die Bezeichnung "Yürüken" zu. Eingeführt hatten diesen Namen im sechzehnten Jahrhundert die osmanischen Steuerbeamten. Hinter den Namen jener, die keinen festen Wohnsitz vorweisen konnten, hatten sie "yürük" vermerkt, abgeleitet von "yürümek" (wandern). Selbst wer heute seßhaft geworden ist, nennt sich immer noch stolz "yürük", ein Nomade.

          Das Leben der Nomaden Anatoliens war über Jahrhunderte gleichgeblieben. Nach 1071 und dem Sieg der seldschukischen Türken über die Armee der Byzantiner bei Malazgirt drangen die Türken ein, und in Anatolien wurde der Nomadismus zu einer neuen Lebensform. Unbekannt war sie auch zuvor nicht gewesen. Paulus hatte in seiner Heimatstadt Tarsus, ebenfalls am Südrand des Taurusgebirges gelegen, als Zeltmacher gearbeitet. Erst in den vergangenen Jahrzehnten veränderte sich das Leben der türkischen und der kurdischen Nomaden dramatisch. Zunächst lösten das Maultier und der Traktor das Kamel als Transportmittel ab, dann errichteten sie in der Ebene von Antalya Gewächshäuser, schließlich bauten sie nach dem Vorbild ihrer Zelte Häuser.

          Harald Böhmer sagt nicht, daß die Kultur der Nomaden Anatoliens ausstirbt. Wehmütig spricht er von einer "ausklingenden Kultur". Er hat diese Jahrzehnte und den Einbruch der Modernisierung erlebt und in seinem Buch dokumentiert. Im Jahr 1960 war er zum ersten Mal in die Türkei gekommen. In den Sommerferien suchte der Lehrer, der am Deutschen Gymnasium in Istanbul Naturwissenschaften unterrichtete, entlang der Mittelmeerküste, die touristisch noch nicht erschlossen war, griechische und römische Ruinen.

          Statt dessen stieß Böhmer in der Macchia zwischen Antalya und Alanya auf Nomaden und auf ihre Kamele. Einige Kamele trugen nicht mehr den Familienbesitz vom Winter- zum Sommerlager, sondern die Zementsäcke des beginnenden Baubooms. Von da an ließen die Nomaden Anatoliens Böhmer nicht mehr los - nicht während seiner Tätigkeit als Lehrer und nicht während seiner anschließenden Tätigkeit als Lehrbeauftragter für Textilien und Naturfarben an der Istanbuler Marmara-Universität, während der er zum Pionier der Wiederentdeckung der Naturfarben für die Teppiche und Kelime Anatoliens wurde.

          Er teilte immer wieder in den Sommern das Leben der Nomaden. Wie aus einer anderen Welt lesen sich seine Schilderungen: Wenn der Ruf "Sabah geldi" (der Morgen ist gekommen) erscholl, ihm der Familienälteste warmes Wasser über die Hände goß, man mit Tee, Fladenbrot und weißem Käse rasch frühstückte, zügig das Zelt abbaute, die Kamele belud und zum nächsten Brunnen zog. Böhmer schildert die Kamelkämpfe der Wintermonate, und wie er in der zentralanatolischen Steppe in den siebziger Jahren Yurten entdeckte, die Urbehausungen der Nomaden Zentralasiens. Böhmer dokumentiert den Aufbau dieser Zelte, und überall begleitet er die Nomaden Zentralanatoliens auf dem Weg in ihre Seßhaftwerdung. Seine Sympathie für sie spricht aus den Porträts dieser Menschen, die zum Eindrucksvollsten dieses Bildbands gehören.

          Die Zelte und die Yurten verschwinden aus Anatolien. Die Textilien der Nomaden bleiben. Ihre Kelime zählt Böhmer zum Weltkulturerbe. Als Flachgewebe fehlt ihnen die dritte, die Flordimension der Teppiche. Den Betrachter müssen sie nur mit der Rhythmik ihrer Muster in den Bann ziehen und mit der Kraft ihrer Farben. Das Leben der Frauen und Männer, die diese Kelime geschaffen haben, stand im Einklang mit der Natur. Tragbar mußte ihr Besitz sein und zweckmäßig - und schön war er auch. Böhmers Buch dokumentiert nicht nur das Ausklingen einer Kultur, sondern auch, was sie der Menschheit an Ästhetik hinterläßt.

          RAINER HERMANN

          Harald Böhmer: "Nomaden in Anatolien". Begegnungen mit einer ausklingenden Kultur. Unter Mitarbeit von Josephine Powell und Serife Atlihan. Remhöb-Verlag, Ganderkesee 2005. 320 S., Farb- u. S/W-Abb., geb., 98,- [Euro].

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