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Sachbuch über den Korridor : Dunkelmänner im Alltagsleben

  • -Aktualisiert am

Wo Büros sind, dort sind auch Blicke in die Fluchten innerer Erschließungsstraßen möglich. Bild: Picture-Alliance

Hindurch und vorbei: Stefan Trüby widmet sich mit seiner „Geschichte des Korridors“ auf eindrückliche Weise einem gern übersehenen Element der Architektur.

          Angesichts der Klassenkämpfe nach dem Ersten Weltkrieg hatte Thomas Mann eine große Sorge: „Die Lösung der Dienstbotenfrage liegt weiter im Dunkel.“ Mit dem Freiheitsstreben aller, warnte er 1918, verschwinde der „stolze Gehorsam“ und das „Dienenwollende“ im Menschen.

          Doch für eine Herrschaft ohne Dienerschaft hatten moderne Ingenieure und Architekten längst vorgesorgt: durch Mechanisierung und Selbstbewirtschaftung im dienstbotenlosen Haus. Sie schufen Apparate und Architekturen, die das Nutzerverhalten entlang genau bemessener Tätigkeitsflächen in spezialisierten Raumzuschnitten regulierten. Gebäude bekamen eine erziehende und lenkende Zuständigkeit und ersetzten die Fremdherrschaft über das Gesinde durch die Selbstdisziplinierung der Brotherren.

          Flucht hinaus oder hinein

          Sozialhistorische Umwälzungen auf der Mikroebene von Gebäudegrundrissen zu spiegeln und dabei einen stummen Kronzeugen zu entdecken, der überall anwesend war, aber bislang übersehen wurde – das ist dem Stuttgarter Architekturtheoretiker Stephan Trüby mit seiner „Geschichte des Korridors“ gelungen, hervorgegangen aus seiner Dissertation bei Peter Sloterdijk. Bislang waren Flure und Korridore nur „dienende“ Wege zur Versorgung von „bedienten“ Räumen mit Gütern und Menschen. Sie galten als Randphänomene ohne Eigenleben – genauso wie das Hauspersonal, das in ihnen zirkulierte. „Niemand hat den Korridor erfunden“, schreibt der Autor, „er ist der Architektur schlicht unterlaufen.“

          Doch für dessen unheimliche Ausbreitung kennt Trüby einen Grund: „Korridore sind das Unbeobachtbare schlechthin, nämlich das Instrument der Beobachtung.“ Mit welcher Wucht und sozialen Prägekraft dieser verfemte Teil der Architektur in Konflikt- und Krisenzeiten sich durchsetzt, macht das Buch an Festungsbauten, Palästen, Klöstern, Krankenhäusern und Gefängnissen bis hin zu heutigen Wohnmaschinen deutlich. Durch ihren Doppelcharakter als Eingang und Ausgang übernahmen Korridore im Krieg oder Frieden immer wieder entgegengesetzte Funktionen.

          Stephan Trüby: „Geschichte des Korridors“. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2018. 380 S., Abb., geb., 79,– €.

          Trüby beginnt historisch mit ihrer militärischen „Exit“-Funktion, weil Korridore – abgeleitet vom lateinischen „currere“ (laufen) – außenräumlich als Rundwege zwischen Graben und Glacis verliefen. Im Vatikan errichtete Bramante Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts einen ersten gedeckten Hochweg als Papst-Korridor zum Belvederehof, dann baute Vasari für die Medici in Florenz einen mehr als tausend Meter langen Fluchtkorridor von den Uffizien über den Ponte Vecchio bis zur Residenz im Palazzo Pitti. Und schließlich dehnte sich der Korridorbegriff strategisch in die Aufmarsch- und Durchgangsräume für kriegerische Grenzoperationen aus.

          Königs- und Dienerwege

          Dagegen steht die andere Entwicklungsgeschichte der „Entry-Funktion“ des Korridors als gebaute Willkommenskultur, die der Autor von den Triumphportalen der Antike bis in die freien, fließenden Grundrisse der Moderne verfolgt. Dazwischen entbrannte jedoch ein heftiger zivilisatorischer Kampf um die Intimität oder Distanz in den Begegnungsräumen von Haushaltsmitgliedern, deren Freizügigkeit oder Affektkontrolle die Grundrisse ihrer Häuser prägte.

          Die Entwicklung führte, geometrisch gesprochen, vom transversalen Hindurchgehen durch Zimmer zum tangentialen Vorbeilaufen im Korridor. Das ist, sozialpsychologisch gesprochen, der Übergang vom extrovertierten Gruppenleben zur isolierten Privatexistenz. Diese Verhaltensänderungen wurden zwar in den Zivilisationsgeschichten und Machttheorien von Norbert Elias bis Michel Foucault reflektiert, aber Trüby hat endlich den Korrridor als mächtigen Dunkelmann im Sozialgeschehen des Alltags dingfest gemacht.

          Alberti und Palladio kannten in ihren Renaissance-Palästen noch gar keine Korridore. Vielmehr öffneten sie alle Zimmer zu Durchgangsräumen mit möglichst vielen Türen, um szenographische Durchblicke durch das ganze Haus zu schaffen: „Denn das bereitet Vergnügen“, schrieb Palladio. In Frankreich jedoch führte zur selben Zeit das komplizierte Hofzeremoniell zur Trennung von Königs- und Dienerwegen, woraus zwei separate Zirkulationssysteme mit Tapetentüren und Geheimkorridoren entstanden. Die Isolation und Körperlosigkeit der Bewohner erlebte in der viktorianischen Landhausideologie des neunzehnten Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Um die Seele gegen die Versuchungen der sündigen Welt zu wappnen, entwickelten puritanische Reformarchitekten den „moralischen Grundriss“ zur Trennung von Mann und Frau, Herr und Knecht. Anstelle des lustvollen Hindurchsehens durch Zimmer-Enfiladen gab es den keuschen Rückzug in die private Innerlichkeit.

          Ein Anfang mit der Klosterzelle

          Weit über ihre Transferleistung als Ein- oder Ausgang hinaus blühten Korridore immer dann, wenn sie Disziplinarmacht und Ordnungsstifter wurden. Am Ursprung dieser Erziehungsfunktion sieht Trüby die abendländische Klosterbaukunst, die den Zelle-Korridor-Komplex zum Idealraum für Subjektivierung und Läuterung machte. Nahezu alle sozialstaatlichen Versorgungsbauten im neunzehnten Jahrhundert bildeten aus diesen monastischen Wurzeln immer differenziertere Korridor-Labyrinthe. Das Aufatmen der Kranken im Pavillonsystem der Reformmedizin um 1900 wurde längst wieder von der Korridor-Architektur der Großkliniken erstickt.

          Überzeugend vermag Trüby auch, seine Raumtheorie ortsspezifisch zu konkretisieren. Kafka als bedeutendster Korridor-Autor des zwanzigsten Jahrhunderts verarbeitete für ihn zeitlebens seine Kindheitserfahrungen in den sogenannten „Pawlatschen“-Häusern von Prag. Das waren Innenhöfe mit umlaufenden Laubengängen, die an Gefängniskorridore erinnerten und in Kafkas Romanen zu Labyrinthen der Ausgeschlossenheit wuchsen.

          Bleibt die Frage nach dem Korridor heute. Einerseits erfuhr er seine Entgrenzung in den Millionärsvillen von Mies van der Rohe oder Le Corbusier, die ihre offenen Grundrisse mit Treppen, Rampen und Balkonen zu großen Transiträumen machten. Immerhin bewahrten sie noch eine Erinnerung an den Luxus mediterraner Baukunst, in der Raum- und Erschließungssystem identisch waren. Andererseits wurden die Flure in den taylorisierten Grundrissen des Neuen Bauens restlos eingespart, indem „Frankfurter Küchen“ und minimierte Wege die Effizienz der Hauswirtschaft ins Fabrikmäßige steigerten.

          Zugleich sind seitdem die Riesenflure millionenfach in Wohnmaschinen und Verwaltungsbauten als innere Erschließungsstraßen wieder aufgetaucht, in denen die Exit-Funktion als Flucht- und Brandwege alles dominiert. Wer bislang nur eine dunkle Aversion gegen Korridore hatte, der kann jetzt im Licht von Trübys Erkenntnissen genau sagen, warum er diese Schattenexistenzen der Architektur nicht leiden mag.

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