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: Hier wird nicht lange rumvermutet

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Entweder man weiß was, oder man weiß, wie man was rauskriegt, alles andere ist dunkel, unlustig und vor allem: langweilig. Die französischen Aufklärer, denen das komplett klar war, fanden bald ein passendes Format für die Aufbewahrung dieser Tatsache: die Enzyklopädie.Es geht aber auch mit weniger Umfang, wie Christoph Biemanns "Christophs Experimente" auf nur rund 150 Seiten beweist.

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          Entweder man weiß was, oder man weiß, wie man was rauskriegt, alles andere ist dunkel, unlustig und vor allem: langweilig. Die französischen Aufklärer, denen das komplett klar war, fanden bald ein passendes Format für die Aufbewahrung dieser Tatsache: die Enzyklopädie.

          Es geht aber auch mit weniger Umfang, wie Christoph Biemanns "Christophs Experimente" auf nur rund 150 Seiten beweist. Die Enzyklopädisten gerieten sich damals gelegentlich darüber in die Haare, wie man Unbekanntes am besten rauskriegt - Denis Diderot zum Beispiel war dem rein vernunftmäßig-mathematischen Folgern gegenüber hartnäckig mißtrauisch, denn stimmige Gedanken "kann sich auch ein Blinder ausgedacht haben, der nie sehen wird, ob das, was er vermutet, tatsächlich stimmt". Diderots Freund D'Alembert, seines Zeichens Mathematiker, grummelte nur ganz leise dagegen: "Man kann durchaus Geometer sein und trotzdem gesunden Menschenverstand haben." Worum es in dem Streit, der ja eigentlich keiner war - beiden war unstrittig, daß Wissen besser ist als Raten -, in Wirklichkeit ging, war etwas, das noch bis heute Wissenschaftlern und Philosophen, die sich für die Wissenschaften interessieren, ein Ärgernis bleibt: daß es eben mehr als nur eine Art der Erfahrung ("Empirie", "Induktion"), mehr als eine Art des Schließens ("Logik", "Deduktion") gibt, und wir immer noch nicht richtig verstehen, wie sie eigentlich genau ineinandergreifen.

          Wo kommen die richtigen Ideen der Menschen her? Daß die von Christoph Biemann so geschätzte Methode des Herrn Galilei, tunlichst auf jede Vermutung die Probe anzustellen, also das sogenannte "experimentelle" Verfahren, die schlechteste nicht ist, hat sich vor allem daran gezeigt, daß die mit ihr gewonnenen Ergebnisse dazu taugen, die Welt sehr gründlich zu verändern: Wir hätten weder Antibiotika noch Intercity-Züge, kein Telefon und kein Internet, wenn niemand deren Urformen ausprobiert hätte. Andererseits: Nicht jeder angezündete Hund gibt Hinweise auf geeignete Therapien bei Brandverletzungen, nicht jede Explosion hat den Verbrennungsmotor vorbereitet, und Kinder, die mit Bettlakenfallschirmen von Garagen springen, werden, falls ihnen dabei nichts Gravierendes passiert, später nicht unbedingt bessere Piloten als solche, die bloß zu Hause Bücher über die Gebrüder Wright lesen.

          Nicht alles, was man wissen sollte, kann oder sollte man selber testen, und für einige Wissensgebiete, etwa die Geschichte, gibt es, solange zum Beispiel die Zeitmaschine nicht erfunden ist, keine experimentellen Verfahren. Christoph Biemann, der im Fernsehen nichts unversucht läßt, seine jungen Zuschauer aus dem Zustand zu locken, den Diderot mit seiner metaphorischen "Blindheit" meinte, hat jetzt ein Buch geschrieben und bebildern lassen, das jede Menge Nachahmbares auf behutsam-listige Weise mit Sachen verbindet, die man nicht selber ausprobieren kann: Haushaltsgegenstände dienen zur Erforschung von Zentrifugal- und Zentripetalkraft, ein Kissen ist ein hinreichender Versuchsaufbau zur Erkundung des Gleichgewichtssinns, Milch und Wasser machen Goethes Farbenlehre erfahrbar; woher aber die Philosophie kam, wann und wo die Wissenschaft zum ersten Mal erblühte oder welche möglicherweise die Urkräfte sind, das muß man sich schon erzählen lassen. Hier kriegt man es erzählt, und das klingt, wie es soll: als hätte die Menschheit es gerade erst rausgefunden.

          Daß Experimente auch von Diderots "Blindem" gemacht werden können, ja, daß - einer der wichtigsten Funde der jüngeren Wissenschaftsphilosophie - der Unterschied zwischen Denken und Machen gar nicht so unüberbrückbar ist, zeigt am Ende eine Geschichte von Hilke Rosenboom, die in die Technik des "Gedankenexperiments" einführt, ohne die beispielsweise Albert Einstein oder Wolfgang Pauli, die mit Apparaten und ihren Aufbauten wenig Geduld hatten, nicht die berühmten Wissenschaftler geworden wären, die sie waren.

          Weil das hier begriffen wurde, lernt man aus diesem Buch schließlich sogar etwas, das eigentlich niemand lehren kann: Die besten Experimente sind diejenigen, in denen nicht nur Erfahrung, sondern bereits Verstand steckt, und die klügsten Gedanken umgekehrt solche, die sich bei aller Abstraktion vom Offensichtlichen nicht den "Erfahrungsgeschmack" austreiben lassen, der die menschliche Neugier ausmacht.

          DIETMAR DATH

          Christoph Biemann: "Christophs Experimente". Gestaltet und illustriert von Hildergard Müller. Hanser Verlag, München 2003. 150 S. geb., 16, 90 [Euro]. Ab 10 J.

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