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: Hier wird die Poesie zum Volksvermögen

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Innovation ist der Fetisch der Moderne. Aber das Neue hat seine Tücken: es provoziert das Alte zu neuem Leben. Baudelaire begab sich auf die Reise ins Unbekannte, "pour trouver du nouveau". Doch er hoffte zugleich, jede Modernität werde dereinst wieder Antike, neue Klassizität. Ohne diese dialektische Rückwendung ins Alte gibt es keine Avantgarde von Rang.

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          Innovation ist der Fetisch der Moderne. Aber das Neue hat seine Tücken: es provoziert das Alte zu neuem Leben. Baudelaire begab sich auf die Reise ins Unbekannte, "pour trouver du nouveau". Doch er hoffte zugleich, jede Modernität werde dereinst wieder Antike, neue Klassizität. Ohne diese dialektische Rückwendung ins Alte gibt es keine Avantgarde von Rang. "Make it new!" dekretierte Ezra Pound, der ein neuer Homer sein wollte, und berief sich dabei auf den Satz eines altchinesischen Kaisers. Paul Valéry war vollends der Meinung, in unserer Zeit sei es kühner, Altes zu machen als Neues. Das klingt, als habe er an Rudolf Borchardt gedacht. Borchardt seinerseits hielt Valéry für einen Eklektiker. Doch mit dem acht Jahre jüngeren Ezra Pound hatte er mehr gemein als die Hochschätzung und Übersetzung der provenzalischen Dichtung und der Troubadours.

          So ist auch Borchardt ein Dichter-Philologe, der das Alte nicht bloß heraufholen und restituieren wollte, sondern gleichsam neu erschaffen, eben machen wollte. Sein viel zitierter Begriff einer "schöpferischen Restauration" ist gewissermaßen der taktisch abgemilderte Ausdruck für eine viel radikalere Praxis. Man könnte sie durchaus unter die Devise "Make it old, make it antique" stellen und als einen heroischen Rückbau begreifen, ja als die Erfindung von Tradition.

          Von diesem Rückbau zeugt schon Borchardts Jugendwerk "Joram", dessen Nachwort das gesamte lebendige Deutsch für die Dichtung reklamiert, also auch Luther und das Mittelalter. Deutlicher noch wird Borchardt in seiner Übertragung der "Divina Commedia", in "Dante deutsch", darin er sich von der lutherischen Tradition ab- und den oberdeutschen Dialekten zuwendet, weil sie dem Mitteldeutschen in Laut- und Formenbildung näher geblieben waren. Nicht bloß Übersetzung war seine Intention, sondern Sprachschöpfung.

          Solche restitutio in integrum hatte auch der Anthologist Borchardt im Sinn, als er 1926 seinen "Ewigen Vorrat deutscher Poesie" erscheinen ließ. Mit dem Leitsatz "Dies ist Deutsche Poesie, nicht eine Reihe deutsch dichtender Autoren" formulierte er das Ziel, nicht die Poesie Einzelner, "sondern das poetische Vermögen der Volksgesamtheit" zu versammeln. Unter dieser Prämisse nahm er sich heraus, Hölderlins freirhythmische "Hälfte des Lebens" in eine, wenn auch fragmentarische alkäische Ode zurückzudichten. Eine Respektlosigkeit? Nein, nur die besondere Weise, Respekt vor einer imaginierten Tradition zu bezeugen.

          Dies sei vorausgeschickt, um den Stellenwert plausibel zu machen, den der gewichtige Band "Deutsche Renaissancelyrik" beansprucht, der soeben unvermutet aus dem Schatten von Borchardts Nachlass ins Licht der lesenden Öffentlichkeit tritt. Eine Sensation, möchte man sagen, wäre nicht der Begriff des Sensationellen bei Borchardt völlig unangemessen. Dieser Band ist der Torso eines ursprünglich viel größeren Projekts, das in vier Bänden die deutsche anonyme Poesie des 15., 16. und frühen 17. Jahrhunderts hatte versammeln sollen. Erstaunlich ist, was nun als eine aus nachgelassenen Materialien erstellte Rekonstruktion vorliegt. Stefan Knödler hat sie mit Akribie erarbeitet und mit Apparat und Kommentar versehen; sympathisch hält er sich zurück. Denn der Untertitel "besorgt von Rudolf Borchardt" suggeriert ja, der große Tote trete selbst auf diese Weise in eine späte Gegenwart. Sie ist jedenfalls angehalten, die "Deutsche Renaissancelyrik" nach Anspruch und Gewicht als Pendant zum "Ewigen Vorrat" aufzunehmen.

          Die Geschichte dieses ein Menschenleben zurückliegenden Unternehmens ist die Geschichte einer Nichtentstehung: eine absteigende Linie von Enthusiasmus, Zwist und Scheitern. Das Anthologie-Projekt stand seinerzeit im Zusammenhang mit Willy Wiegands Bremer Presse, für die Hofmannsthal 1923 sein "Deutsches Lesebuch" und Borchardt 1924 "Die großen Trobadors" und 1925 "Deutsche Denkreden" und Hartmanns "Armen Heinrich" ediert hatten. 1926 folgte der "Ewige Vorrat", den Hofmannsthal beharrlich als "eisernen Vorrat" bezeichnete.

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