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: Hier steht Gott und kann auch anders

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Im Christentum stand bis in das 15. Jahrhundert hinein nicht das Heilige Buch, die Bibel, im Mittelpunkt. Entscheidend war die Tatsache, dass Gott Mensch geworden war, in die Welt als Geschichte eintrat, um sie und alle Menschen zu erlösen. Dieses historische Ereignis gab dem Buch, dem Alten Testament, ...

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          Im Christentum stand bis in das 15. Jahrhundert hinein nicht das Heilige Buch, die Bibel, im Mittelpunkt. Entscheidend war die Tatsache, dass Gott Mensch geworden war, in die Welt als Geschichte eintrat, um sie und alle Menschen zu erlösen. Dieses historische Ereignis gab dem Buch, dem Alten Testament, der Geschichte Gottes mit seinem Volk, einen ganz neuen Sinn, weil sie durch Jesus als den Christus zur Geschichte Gottes mit der Menschheit wurde. Das weitere Buch, das Neue Testament, die Predigt Jesu und deren Verkündigung durch die Apostel, entfaltete und deutete das rettende Geschehen, wie das Wort Fleisch geworden und die Geschichte zur Heilsgeschichte umwandelte. Am Wort war das Wichtigste der Mensch, der sich in ihm offenbarte.

          Insofern verstand sich das Christentum nicht als Buchreligion. Die Kirche hielt die Laien, soweit sie überhaupt lesen konnten, gar nicht dazu an, die Bibel zu lesen. Sie warnte davor, weil die Bibel in der Hand unkundiger Leser stets aller Unruhen, aller Häresien Ursache gewesen sei. Darauf wurde noch Martin Luther während seines Studiums in Erfurt hingewiesen. Aber seit dem 14. Jahrhundert suchten die Armen, und das heißt die Ohnmächtigen, nicht den Christus - König und Weltenherrscher. Sie suchten die Nähe des armen, gleich ihnen machtlosen Jesus, des Schmerzensmannes, des nackten Christus am nackten Holz, wie er ihnen in der Bibel begegnete. Damit steckten sie auch die Reichen und Mächtigen an. Es begann jetzt überhaupt erst die "Christianisierung" der Christen. Volkssprachliche Erbauungsschriften, wie Ludolf von Sachsens Leben Jesu oder Thomas a Kempis Nachfolge Christi - in alle europäischen Sprachen übersetzt -, ebneten einer ungewohnten Sehnsucht nach der Bibel, einer neuen, biblisch fundierten Religiosität den Weg.

          Um den Willen Gottes zu erkennen, musste man darin geschult sein, die Sprache Gottes, die Christus spricht, zu verstehen, um in der Sprache, die Gott versteht, zu fragen und zu antworten auf Fragen, die er an jeden Einzelnen richtet. Die Erfindung des Buchdrucks und dessen stürmische Verbreitung seit 1456 ermöglichte den für damalige Verhältnisse massenhaften Absatz von Bibeln in der Volkssprache. Die Kirche misstraute dieser Bewegung und konnte sie doch nicht mehr aufhalten. Die Bibel steht am Anfang der Reformation, welche daher nicht mit den Thesen Luthers vom 31. Oktober 1517 beginnt. Sie hat eine Vorgeschichte, die Geschichte der vorreformatorischen Kräfte und Bewegungen. Deshalb beginnt Diarmaid MacCulloch seine Geschichte der Reformation, wie sie sich erst in Europa und dann in Amerika auswirkte, mit einem Rückblick auf das 14. und 15. Jahrhundert.

          In Spanien ist die Reformation um 1520 abgeschlossen. Die Conversos, die neuen Christen, die von Juden abstammten, griffen gesamteuropäische Bemühungen auf, sich dem dramatischen Ereignis des liebenden Gottes persönlich zu stellen. Das meinte, sich genau zu prüfen, auf Christi Rede zu achten, wieder und wieder die Bibel zu lesen. Sie legten viel Wert auf die Gleichheit aller vor Christus und in Christus. Als Begeisterte unterstützten sie die Absichten der Könige und einiger Kirchenfürsten, die in Konventionen erstarrte Kirche zu neuem geistigen Leben zu erwecken. Es ging gar nicht so sehr darum, Missbräuche und Skandale abzustellen, sondern um eine neue Religiosität, um ein ganz eigenes, freies Verhältnis zu Christus und einem gnädigen Gott.

          Das paganisierte Rom oder Florenz hält Diarmaid MacCulloch für eine Einbildung liberaler Ästheten des 19. Jahrhunderts. Die italienischen Reformatoren lösten sich freilich so wenig wie die spanischen von der alten Kirche, weil sie institutionell dachten und damit die Tradition, die Geschichte berücksichtigten. Spanier und Italiener beriefen sich auf den heiligen Augustinus - wie alle Reformatoren. Sie aber vergaßen bei allen Spekulationen über die Gnade und deren den Menschen erlösenden göttlichen "Überfluss" nie den Vater der Kirche, der ihr einen Begriff von sich selbst gab. Die geglückte Reformation ermöglichte Spanien für die nächsten einhundertfünfzig Jahre eine hegemoniale Stellung in Europa und eine imperiale in der Welt. Denn es war das einzige Land in Europa nach 1520, das nicht durch bürgerliche Unruhen und Verfassungsfragen gestört wurde, die mit der Gesamtverfassung zusammenhingen und ihrer Reform, die zugleich eine religiöse wie gesellschaftliche und politische bedeutete. Luther waren Staat und Gesellschaft ein weltlich Ding. Er war ein Prophet, dem es darum ging, die Freiheit eines Christenmenschen für sich zu finden und sie anderen zur Gewissheit werden zu lassen. Die Gnade allein sollte das bewirken und ihr heilsamer Quell, die Heilige Schrift und das heilige Wort. Luther, Zwingli, Calvin und deren europäische Schüler misstrauten der Tradition.

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