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Es grassiert derzeit eine Literaturgattung, die untrennbar zwischen Dichtung und Wahrheit oszilliert und sich aus unerfindlichen Gründen ausgerechnet desjenigen Renaissancekünstlers bemächtigt hat, der wie vielleicht kein anderer vom Willen zur experimentell-wissenschaftlich überprüfbaren Erkenntnis durchdrungen war - Leonardo da Vinci.

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          Es grassiert derzeit eine Literaturgattung, die untrennbar zwischen Dichtung und Wahrheit oszilliert und sich aus unerfindlichen Gründen ausgerechnet desjenigen Renaissancekünstlers bemächtigt hat, der wie vielleicht kein anderer vom Willen zur experimentell-wissenschaftlich überprüfbaren Erkenntnis durchdrungen war - Leonardo da Vinci. Dan Browns verschwörungstheoretisches Machwerk um den Gral im Louvre ist hierbei nur die Spitze des Eisbergs. Dieser Weltbestseller zeitigte erstaunliche rattenfängerartige Effekte: Mit einem Mal setzte sich alle Welt an den Computer und fühlte sich zum Schreiben von Leonardo-Büchern berufen, denn es galt offensichtlich, einen boomenden Markt abzuschöpfen. Die Produktpalette, die dieser Goldgräberstimmung entspringt, ist denkbar weit. Sie reicht von Frank Zöllners wissenschaftlich seriöser Werkmonographie im Taschen-Verlag über "Aufklärungsliteratur" mit klangvollen Titeln wie "Leonardos Katze. Kunst und Geheimnis des Leonardo da Vinci" bis hin zu "Leonardo dreidimensional. Mit Computergraphik auf der Spur des genialen Künstlers".

          Aber auch im Bereich der klassischen Biographie hat sich in den letzten Jahren einiges getan: Charles Nicholl hat sich (laut Innenklappe des Buches) insbesondere dadurch zum Leonardo-Biographen qualifiziert, dass er viele Jahre die Skizzenbücher und Manuskripte des Künstlers studiert hat und mit seiner Familie in Italien lebt. Er legt eine 750 Seiten starke Darstellung von Leben und Werk Leonardos vor, bei der sich der S. Fischer-Verlag offensichtlich nicht entscheiden konnte, ob es sich um "die" (so der Innentitel) oder nur um "eine" Biographie (laut Umschlag) des derzeit beliebtesten Renaissancekünstlers handelt. Doch wollen wir nicht gleich allzu boshaft werden. Denn die (auch stilistisch-schriftstellerisch) fulminante Einstiegsszene, die der Dokumentarfilmer Nicholl für sein Buch wählt, macht erst einmal Lust weiterzulesen. Ausgehend von einer eher marginalen Notiz von Leonardos Hand auf einem Blatt mit geometrischen Notizen in der British Library - "perche la minesstra si fredda" -, entwirft er ein Szenario des häuslichen Alltagslebens des alternden Leonardo, der sich nach Frankreich zurückgezogen hat und von seiner Haushälterin frugal-kulinarisch umsorgt wird und vor lauter Forscherdrang fast seine Suppe erkalten lässt

          Zu Beginn des Buches lässt sich der Leser immer wieder mitreißen von Nicholls evokatorischer Fähigkeit, aus kleinsten Ausgangsindizien beispielsweise die Jugendlandschaft Leonardos um den kleinen toskanischen Ort Vinci herum erblühen zu lassen oder die Künstlerwerkstatt Andrea Verrocchios wieder ins Leben zu rufen - mit ihrem Lärm, Schmutz, den Rangeleien unter den jungen Gesellen und selbst den Hühnern, die als Rohstoffproduzenten für die Temperamalerei durch die Bottega gackern. Diese kleinen Szenen aus dem leonardesken Alltag bettet er ein in bisweilen etwas weitschweifige Schilderungen der kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen im Italien des Quattro- und Cinquecento und in die Florentiner oder Mailänder Stadt- und Kunstgeschichte. Nicholl hat hierfür nicht nur in den Archiven gestöbert, er hat auch die "Tatorte" besucht, die leonardesken Landschaften inspiziert, um ihre prägende Kraft für die Gemälde einschätzen zu können, und er hat die richtige Frage gestellt, welchen visuellen Eindrücken und Kunsterlebnissen Leonardo in seiner Jugend ausgesetzt war.

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