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Herta Müller: Der König verneigt sich und tötet : Himmel essen Seele auf

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Bild: Verlag

Der Irrlauf im Kopf: Herta Müller wendet sich erneut ihrer rumänischen Kindheit zu. „Einige Stärken und nicht wenige Schwächen“, urteilt unser Rezensent Heinrich Detering über die Prosa dieses Bandes.

          Ein Buch wie dieses entzieht sich der literarischen Kritik. Eine Überlebende, die unter einer barbarischen Diktatur gequält, erniedrigt und endlich aus dem Land gejagt worden ist, deren Erinnerungen versehrt sind durch Bilder von „Verhören, Zwangspsychiatrie, Erschießen auf der Flucht, Haft, Folter, Mord“, die lebenslang das Bild jenes Geheimpolizisten nicht los wird, der „Menschenjagd an mir praktizierte“, die sich noch nach der Flucht verfolgt fühlt von Drohungen wie dem hier zum entsetzlichen Leitmotiv geronnenen Fluch „Wir kriegen dich, wo immer du bist“, und die noch immer nicht vergessen kann, wie sie diesem „Scheißleben ein Ende zu machen“ versuchte - eine solche Schriftstellerin scheint gegen alle Erwägungen zu Stil und Komposition ihrer Texte immun.

          In dieser Sammlung von Essays und Vorträgen, in denen sie den Zusammenhängen zwischen der eigenen Biographie und ihrem literarischen Werk nachgeht, bezieht Herta Müller einmal in die lange Reihe der Verletzungen durch Gleichgültigkeit oder Unverständnis auch jene Literaturkritiken ein, die ihr eine Hinwendung zu den Erfahrungen im neuen Land nahegelegt haben, eine Abkehr von der obsessiven Wiederholung der immergleichen Albtraumerinnerungen aus dem Rumänien Ceausescus. Gegen solche Ratschläge, gleich ob gut gemeint oder gedankenlos, beharrt sie mit erbitterter Aggressivität auf der Unentrinnbarkeit eines Schreckens, dessen Schatten sich auf alles legt, was sie erlebt und erinnert und schreibt.

          Erinnerungen an die eigene Hilflosigkeit

          Die Allgegenwart des Todes und der Angst - sie reicht hier so weit zurück, daß es nichts außerhalb ihrer gegeben zu haben scheint. Schon beim Anblick der weiten Maisfelder kann sich das Kind nicht abfinden mit einem „Lebendigsein im Freßkreis der Pflanzen“, schon beim ersten Blick in einen offenen Sarg, der in einem Bauernhaus steht, fühlt es sich „dem Fraß der Gegend ausgeliefert“. Wo die Kindheit sein könnte, findet diese Erzählerin nur die Erinnerungen an einen Vater, der sich betrinkt, um seine SS-Vergangenheit zu vergessen, an eine Mutter, die nicht über ihre Deportation in ein sowjetisches Arbeitslager hinwegkommt, an die eigene Hilflosigkeit. So bleibt das Dorf der Herkunft ein Gegenstand des Abscheus, gleichgültig, ob es schon der Schauplatz der kommunistischen Repression ist oder noch derjenige eines traditionellen Katholizismus, unter einem düsteren Himmel, von dem seit je nichts erwartet wird als Krankheit und Tod, Strafen für die täglichen Sünden.

          Ebenso verhaßt wie die Dörfler sind der Heranwachsenden dann freilich auch die Städter, in deren Gesprächen sie nichts hört als „die ständige Paarung von Arroganz und Selbstmitleid“. Überhaupt niemand und nichts kann es ihr recht machen; unerbittlich beharrt sie auf einem Schmerz, der nicht nachläßt und sich an alles heften kann, was ihr begegnet. Sie haßt „die Hinterhältigkeit des Wassers“; sie ängstigt sich vor dem „Hunger des Meers auf Fleisch“.

          Ob es erlaubt oder womöglich gewollt ist, diesen Weltekel, diese Weltklage und Weltanklage als Symptom zu lesen, als Folge einer Traumatisierung, die erst später unter dem politischen Terror eingetreten ist, oder ob hier ursprüngliche Kindheitserfahrungen durch alle kommenden Schrecken nur entsetzlich bestätigt und überboten werden - das bleibt in der Schwebe. Einmal spricht Herta Müller von der Traumatisierung durch die Diktatur als einem Zwang zur fortwährenden Beobachtung eines Selbst, das nichts ist als das Objekt von Beobachtungen, ausgeliefert und wund. Eines der eindringlichsten Bilder des Bandes resümiert das so: „In den Spiegel kam der Himmel das Gesicht fressen.“

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