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: Herrnstadt war anders

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Erst in den späten siebziger Jahren, da war der Vater schon lange tot und Irina Liebmann selbst Journalistin und Schriftstellerin, suchte sie in der Berliner Stadtbibliothek in den Zeitungsbänden des "Berliner Tageblatts" nach Artikeln ihres Vaters. Sie war überrascht, wie schnell sie auf seinen ...

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          Erst in den späten siebziger Jahren, da war der Vater schon lange tot und Irina Liebmann selbst Journalistin und Schriftstellerin, suchte sie in der Berliner Stadtbibliothek in den Zeitungsbänden des "Berliner Tageblatts" nach Artikeln ihres Vaters. Sie war überrascht, wie schnell sie auf seinen Namen stieß und dass es ein Leitartikel war, zudem in einer klaren Sprache, analytisch, brillant geschrieben und gedacht, einer von vielen. Das hatte sie nicht erwartet, auch Rudolf Herrnstadts Zeit bei dieser berühmten Zeitung gehörte zu den vielen Leerstellen im Leben ihres Vaters, der ihr viel erzählt hatte, doch eigentlich nichts. So zu schreiben, glaubte sie damals, würde ihr nie gelingen: "Wo denn auch? In den Zeitungen der DDR?! Aber er hatte sie gegründet! Er war es doch gewesen! Wie passte das zusammen?"

          Sie fügt es zusammen in dieser Biographie, die unlängst den Preis auf der Leipziger Buchmesse bekam: "Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt". Sie folgt keiner konventionellen Vorgabe, nur ihren Fragen und der unerbittlichen Zeitgeschichte, die zuweilen zur nüchternen Chronik wird, was sein muss, weil sonst nichts zu verstehen wäre über diese Jahrzehnte der überschießenden Hoffnungen auf eine bessere Welt, die aber den Terror hervorbrachte, der Millionen Menschen das Leben kostete, und die sich eines Krieges erwehren musste, dessen ungeheure Lasten und Opfer vor allem die kommunistische Sowjetunion ertrug.

          Irina Liebmann, in Moskau geboren, verlebte ihre Kindheit in Ost-Berlin, bis zum Sturz des Vaters, des Zeitungsgründers Rudolf Herrnstadt, der ins Politbüro der SED aufstieg und nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 als Verräter, als Putschist nach Merseburg, in die Chemiehölle, verbannt wird. Herrnstadt, einer der ungewöhnlichsten Köpfe der Funktionärselite der frühen DDR, stirbt 1966 mit dreiundsechzig Jahren an Krebs, verraten und verachtet von seinen Genossen bis zum Schluss. Nicht einmal enge Jugendfreunde, mit seiner Hilfe aufgestiegen, wagen es, zu seinem Grab zu kommen. Sie hatten ihm die Rehabilitierung verweigert, die unauffällige Wiederaufnahme in die SED lehnte er später ab. Er wird getilgt aus der Parteigeschichte, ja, überhaupt aus der Erinnerung, als hätte es ihn nie gegeben. Nun ist er wieder da, und wie! Und mit ihm die andere Seite der deutschen Geschichte nach dem Krieg, so, wie sie bisher nur selten erzählt worden ist. Irina Liebmann beschönigt nichts, sie weiß alles über die Selbstverleugnung der Kommunisten, über deren Unfähigkeit, das wirkliche Leben zu erkennen, geschweige denn so zu gestalten, dass es für die Mehrheit zu ertragen gewesen wäre; sie weiß alles über die verweigerte Solidarität führender Kommunisten füreinander, wenn wieder einmal einer der Ihren in Ungnade fiel. Und sie erzählt es uns nicht als Geschichte von Schuld und Vergebung - das ist kein Familienroman, in dem die Liebe über alle Widrigkeiten siegt. Und doch ist dieses Buch über einen leidenschaftlichen, kühnen und sehr widersprüchlichen Mann von der ersten bis zur letzten Seite eine Liebeserklärung an den Vater, den sie gut kannte und über den sie doch eigentlich wenig wusste, bis sie sich auf diese Spurensuche begab.

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