https://www.faz.net/-gr3-ri66

: Herr Angermann wohnt am Anger, Herr Ende am Ende des Dorfes

  • Aktualisiert am

Mit einem Teelöffel Zucker nimmst du jede Medizin, ja jede Medizin, ja jede Medizin, angenehm und sehr bequem: Jürgen Udolph spart deshalb nicht mit dem Zucker. In "Professor Udolphs Buch der Namen" schreibt er über - hauptsächlich deutsche - Familiennamen. Wenn man sich für dergleichen interessiert, und das tue ich, ist das Buch durchaus eine Quelle nie versiegenden Vergnügens.

          Mit einem Teelöffel Zucker nimmst du jede Medizin, ja jede Medizin, ja jede Medizin, angenehm und sehr bequem: Jürgen Udolph spart deshalb nicht mit dem Zucker. In "Professor Udolphs Buch der Namen" schreibt er über - hauptsächlich deutsche - Familiennamen. Wenn man sich für dergleichen interessiert, und das tue ich, ist das Buch durchaus eine Quelle nie versiegenden Vergnügens. Der Professor scheint aber seinem Thema nicht völlig zu trauen. Gefühlte 90 Prozent des Buchs beschäftigen sich mit den Namen von berühmten Männern, schönen Frauen und Wunderkindern - Boris Becker, Heidi Klum, Daniel Küblböck - und verknüpfen sie mit bekannten und unbekannten Histörchen à la Regenbogenpresse und Talkshow. Udolph erzählt wie ein rotnasiger Rentner am Stammtisch. Nötig hat er das nicht. Ohne diese Kandierungstaktik wäre das ein richtig schönes Buch geworden. Es ist übrigens in der ersten Person Singular des Professors geschrieben, als Koautor firmiert Sebastian Fitzek, ein fernseherfahrener promovierter Jurist.

          Onomastik ist die wissenschaftliche Disziplin der Namensforschung. Udolph ist Professor für Namensforschung - der einzige in Deutschland - am Institut für Slawistik der Universität Leipzig. Das mit der Slawistik ist ein Bonus. Zumindest wir Leser aus den alten Bundesländern können von einem Slawisten mehr lernen als von einem Romanisten oder Germanisten. Fast 30 Prozent der deutschen Familiennamen haben einen slawischen Ursprung. Zum Beweis gleich ein Beispiel: Jim (Günther) Rakete ist Fotograf und war früher Manager von Künstlern wie Nina Hagen, Nena und Herbert Grönemeyer. Das Wort Rakete für ein Flugobjekt mit Rückstoßantrieb kommt vom italienischen "rochetta" für Spindel. Jim Rakete führte in einem Interview seinen Namen auf hugenottische Vorfahren in Ostpreußen zurück. Sein Name käme "natürlich" von "raquette", dem Schläger. Udolph widerspricht. Er plädiert für das polnische "rokyta", Weide.

          Allerdings ist zumindest Raquet ein in Frankreich - wenn auch wenig - verbreiteter Name. Davon kann man sich auf der Website www.notrefamille.com überzeugen. Man sieht schon, es ist alles nur eine Wahrscheinlichkeitsrechnung mit viel Detektivarbeit. Eine große Hilfe dabei sind ausgerechnet die Mormonen. Diese führen kirchliche Rituale wie die Taufe nachträglich für ihre Vorfahren durch. Deshalb haben sie gewaltige genealogische Datenmengen gesammelt. Gehen wir also nach www.familysearch.org. Hier findet man den Namen Raquet häufiger als Rokyta. Aber das beweist nichts. Nur ein Slawistikprofessor kennt schließlich die sprachlichen Varianten, nach denen man auch noch suchen muß.

          Das Buch richtet sich in erster Linie an Leute, die wissen wollen, wie ihr eigener Familienname entstanden ist. Der Schwerpunkt liegt deshalb natürlich sinnvollerweise auf Namen, die in Deutschland vorkommen und eine - sagen wir es etwas vage - abendländische Geschichte haben. Unsere Namen sind ja immer mit der patriarchalisch definierten Vergangenheit unserer Familie verknüpft. Das ist nicht in allen Kulturen so. Ein Indianer heißt vielleicht Kühner Zeisig, und das muß nichts mit seinen Vorfahren in männlicher Linie zu tun haben. Bei uns ist hingegen Namensforschung immer eine Mischung von Geschichte und Sprachwissenschaft. Unsere zweigliedrigen Namen sind etwa bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts entstanden und spiegeln deshalb manchmal eine tausendjährige Entwicklung wider. So ein Name ist natürlich nur eine Petitesse, aber wenn Professor Udolph uns tausend solche Petitessen vorführt, dann schichtet er kleine Münzen aufeinander und baut daraus eine Kathedrale.

          Weitere Themen

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.