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Herfried Münkler: Sicherheit und Risiko : Wie Gäste zu Eindringlingen werden

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Bild: Verlag

Leben wir wirklich in einer Risikogesellschaft? Herfried Münkler lässt Strategien der Sicherung erkunden und streut geschickt Alliterationen an Zeitgenössisches ein. Klimawandel, Insektenstiche, Amokläufer werden in mehr oder weniger ausführlichen Passagen angesprochen.

          Zeit für die Lektüre eines Buches aufzuwenden birgt ein Risiko. Ein Band über Risiken veranschaulicht insofern selbst das Problem, mit dem er sich beschäftigt. Dem abschätzbaren, nicht unbeträchtlichen Aufwand des Lesens stehen andere Ungewissheiten gegenüber. Abschätzbar sind sie nur in Maßen: Verheißen die renommierten Namen und Themen originelle Ideen, Sprachwitz und Anregung oder langweilen sie den Leser durch das Erwartbare? Kollateralschäden drohen zumal bei Sammelbänden: Anders als bei der Monographie kann die Mischware auch thematischer oder methodische Ausreißer beinhalten.

          Geistes- und sozialwissenschaftliche Publikationen zum Thema Sicherheit, Gefahr und Risiko sind dadurch begünstigt, dass sie - ganz abgesehen vom Kitzel möglicher Katastrophenberichte - Evidenzen aus der Lebenswelt einbringen können. Auch der aus einer Ringvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität entstandene Sammelband streut geschickt Alliterationen an Zeitgenössisches ein. Finanzkrise, Klimawandel, Contergan-Skandal, sozialer Abstieg, Religionskonflikte, Weltfrieden, Insektenstiche und Amokläufer werden in mehr oder weniger ausführlichen Passagen angesprochen.

          Risiken und Unsicherheiten der industriellen Lebensweise

          Vielfalt alleine macht aber noch kein gutes Buch aus, Prominenz von Namen und Brisanz von Themen sind kein sicheres Ticket für eine irgend geartete Kohärenz, so auch hier. Aber eine kollektive Leitidee oder These von einem Sammelband zu erwarten ist hoch gegriffen, und auch dieses Buch versucht sich nicht daran. Im Gegenteil, Vorschläge für gemeinsame theoretische Perspektiven und Begriffe, die zumal der anregende und elegante Beitrag von Münkler bietet (ebenso die Einführung), werden nicht aufgegriffen.

          So stehen dann die Beiträge, garniert mit kaum lesbaren Tabellen und Grafiken, in nicht unüblicher Bindungslosigkeit nebeneinander: Zwischen „die vergessenen Kinder“ und der „Quantifizierbarkeit von Risiken auf Finanzmärkten“ passt kein vitalisierender akademischer Kommentar. Die Herausforderung des „Umgangs“ mit gesellschaftlichen Wechsellagen unter dem Aspekt des Risikos bildet das wenig tragende Motiv, das solche Forschungsfelder vereinen soll. Mögliche übergreifende Strukturen werden vor allem bei den Beiträgen mit historischem Sinn angesprochen: der Aufstieg des modernen Flächenstaates, der zu einer Ausdehnung des Sicherheitsbegriffes führt; die Entstehung sozialer Sicherungen als Schutz der Bürger vor den Risiken und Unsicherheiten der industriellen Lebensweise.

          Zumal die sprachlichen Verschiebungen in neuester Zeit, die gewandelte Erwartungen abbilden, finden pointierte Kommentare: Wann schlägt die Begrifflichkeit von „Risikobereitschaft“ zu „Gier“ um? Die wenig überraschende Analyse Münklers: Solange die Aussicht auf Gewinn dominiere, sei die Entfesselungssemantik positiv konnotiert. Nach der großen Krise schlug der Begriff ins Negative um, und es wird nach seiner neuerlichen Bändigung gerufen. Moralische Seitenhiebe auf die Erwartungen der Anleger ans Recht teilt Münkler nebenbei aus.

          Die Fremden verwandeln sich in gefährliche Eindringlinge

          Nicht nur hier ist das Motiv der Bezähmung ebenso tragend wie problematisch. Immer sollen, so die stereotype Forderung, Risiken minimiert und reduziert werden. Doch wie vielen verschiedenen Faktoren Risikoakzeptanz tatsächlich unterliegt, wird sowohl medizingeschichtlich bei Volker Hess als auch technikgeschichtlich bei Wolfgang König deutlich, der beträchtliche Differenzen zwischen Risikobereitschaft und „objektivem“ Risiko belegen kann. Königs Schluss klingt provokant nüchtern: Modernen Gesellschaften gelingt eine historisch präzedenzlose Steigerung der Handlungsmacht und Naturbeherrschung. Das technische Risiko, das sie eingehen, ist daher als Preis des Wohlstands zu verstehen; freilich muss über die Verfahren der Einschätzung demokratisch verhandelt werden.

          Münkler schreibt uns die Aporien in seiner anmutigen Prosa noch kritischer ins Stammbuch. Wachsende Sicherheitsbedürfnisse sind Indikatoren für das Altern von Gesellschaften. Auch wo sie vermeintlich oder tatsächlich erfüllt werden, sind problematische Effekte zu gewärtigen: „Indem Gemeinschaft zu einem Hort von Sicherheit in einer feindlichen Welt wird, wächst nämlich auch die Feindschaft gegenüber allen, die aus dieser Welt Zugang in die Gemeinschaft suchen: Die Fremden verwandeln sich aus Gästen in gefährliche Eindringlinge.“

          Beitrag über das Risiko der Wissenschaft fehlt

          Dass man hier an die einige Seiten zuvor erwähnten afrikanischen Bootsflüchtlinge denkt, ist Absicht. Jene nehmen eine Passage erhöhter Gefahr auf sich, um in einem Hafen der Sicherheit und des Wohlstands zu gelangen - was freilich mit der europäischen Selbstwahrnehmung in Konflikt geraten kann, hier in einer „Risikogesellschaft“ zu leben. Diese geißelt das Risiko und verdrängt dabei oft genug die Chance, die in ihm liegt. Da wussten es Shakespeare und seine Epoche besser, behauptet Burkhardt Wolf am Beispiel des „Kaufmanns von Venedig“, denn dort galt das Gebot, das Wagnis zu lieben.

          In diesem Band, der sich auf gesicherten Feldern bewegt, fehlt ein Beitrag über das Risiko der Wissenschaft. Er müsste darlegen, dass auch das wirkliche Neue in der Forschung nicht durch Aufgüsse und theoretisch uninteressierte Zweitverwertungen zu haben ist. Er müsste den Mut loben, ausgetretene Pfade zu verlassen und unpassende Manuskripte abzulehnen. Neugier und Originalität sind Antipoden jener Wissenschaft, die institutionell vorrangig auf Sicherheit setzt. Anders gesagt: Autoren und Herausgeber haben selbst zu wenig riskiert.

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