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: Her mit den Pfadfindern!

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Alexander Kluge hat unlängst zu Protokoll gegeben, dass er Karl Marx zwar kaum als Ökonomen, wohl aber als Dichter hochinteressant finde. Das hatte den Autor im Auge, der noch die Abstraktionstendenz des Kapitals in konkrete Bilder einer entgrenzenden Bewegung zu bringen wusste, die den Erdball umgreift und gleichzeitig die Charaktermasken ihrer Akteure formiert.

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          Alexander Kluge hat unlängst zu Protokoll gegeben, dass er Karl Marx zwar kaum als Ökonomen, wohl aber als Dichter hochinteressant finde. Das hatte den Autor im Auge, der noch die Abstraktionstendenz des Kapitals in konkrete Bilder einer entgrenzenden Bewegung zu bringen wusste, die den Erdball umgreift und gleichzeitig die Charaktermasken ihrer Akteure formiert. Niemand hat schließlich die Macht des Kapitals eindrücklicher und sinnfälliger beschworen als Marx. Allerdings hatte er dabei bekanntlich Hintergedanken, die doch wieder auf das ökonomische Terrain führen. Denn die Elogen aufs Kapital sind bei ihm ja nur die Kehrseite der eschatologischen Gewissheit und versuchten ökonomischen Demonstration, dass dieser Motor der Entgrenzung unausweichlich seine eigene finale Zerstörung hervorbringt.

          Dass Marx damit falschlag, hat seiner Attraktionskraft nicht geschadet. Was wäre schließlich auch noch zu bewähren gewesen, hätte das Reich der Freiheit, bei dessen Schilderung die dichterischen Kräfte zwangsläufig nachließen, sich verwirklicht. Kluge schließt an die Tradition eines westlichen, auf Kulturkritik gestimmten Marxismus an, wenn er in Marx den "Scout" für unsere hochkomplexe Welt sieht. Aber der Frage ist kaum aus dem Weg zu gehen, warum eigentlich derjenige den Pfadfinder für die gegenwärtigen Weltverhältnisse abgeben können soll, nach dessen ökonomisch unterbauter Theorie ebendiese Verhältnisse eigentlich nicht hätten zustande kommen dürfen.

          Auf diese Frage steuert der Soziologe Heinz Bude in einem eleganten knappen Essay ohne Umschweife zu. Sein Titel lautet "Wie weiter mit Karl Marx?", und er ist einer von acht kleinformatigen, schmalen und überdies hübsch verschiedenfarbigen Bändchen, die allesamt Bezugsfiguren der Sozialwissenschaft unter der Perspektive ins Visier nehmen, ob und wie deren begriffliches und methodisches Instrumentarium sich für das Verständnis gesellschaftlicher Fragen der Gegenwart in Anschlag bringen lässt ("Wie weiter mit . . .?" Herausgegeben vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Hamburger Edition, Hamburg 2008. Acht Bände in Kassette, 380 S., br., 15,- [Euro]). Neben Marx kommen dabei noch Max Weber (Ulrich Bielefeld) und Emile Durkheim (Matthias König), Theodor W. Adorno (Wolfgang Bonß) und Hannah Arendt (Rahel Jaeggi), Sigmund Freud (Jan Philipp Reemtsma), Michel Foucault (Philipp Sarasin) und Niklas Luhmann (Armin Nassehi) zu Ehren.

          Über diese Auswahl muss man wohl nicht ins Sinnieren kommen, denn tiefgründigen Überlegungen wird sie sich kaum verdanken. Die Titelfrage hat allerdings ihren eigenen Reiz. Zumal wenn man sie mit der Akzentsetzung "Was macht man bloß mit . . .?" hört. Schiefgehen kann ein solches Unternehmen jedenfalls leicht. Nichts schlimmer als Aufsätze, die mit der etwas aufsässigen Frage nach der Aktualität beginnen und dann auf Literaturübersicht, Eloge oder Todesanzeige hinauslaufen. Dergleichen passiert den Autoren dieser ursprünglich als Vorträge für das Hamburger Institut konzipierten Essays aber glücklicherweise nicht.

          Man kann also den Anfang zum Beispiel mit Budes Essay machen und sich im Schnelldurchgang noch einmal vor Augen führen, wie sich Marx halbieren lässt, um jenseits von Ökonomie und revolutionärem Endkampf auf Daueranalyse - Bewusstsein, Diskurs, Begehren usw. - umzustellen. Von hier aus bieten sich verschiedenste Übergänge an. Etwa zu Max Weber als jenem Theoretiker, der Hoffnungen auf Abschaffung des Privatkapitalismus nüchtern die totale staatliche Bürokratie in Aussicht stellte. Oder zu Adorno als Vertreter eines sich subtilisierenden Marxismus, der Wolfgang Bonß die Aufgabe wahrlich schwermacht, ihn als Soziologen mit Zukunftschancen zu präsentieren.

          Auch der Rückgriff auf Freud gehörte ins Repertoire der Kulturkritik Frankfurter Provenienz. Zumal wenn es darum ging, die Beharrungskraft der falschen Verhältnisse zu erklären. Jan Philipp Reemtsma ist bei dieser Verwendung von Freud zu keinem milden Rückblick bereit. Dem Versuch, aus der Psychoanalyse kritische Gesellschaftstheorie zu spinnen - das Stichwort lautet Analytische Sozialpsychologie -, tritt er mit einer an Freud selbst geeichten Skepsis gegenüber. Was er dagegen geltend macht, ist der Freud von "Das Unbehagen in der Kultur", mit dem sich vor allem Abstand von naiven Hoffnungen auf eine gesellschaftlich herstellbare moralische Stabilisierung der Menschennatur gewinnen lässt.

          Vielleicht braucht man zur Einübung solcher Skepsis nicht unbedingt Freud. Aber der Reiz von Reemtsmas Essay liegt darin, Freud mit Entschiedenheit als großen Desillusionierer in Stellung zu bringen, der die soziale Realität nüchtern und doch ohne Spur von Zynismus oder Misanthropie in den Blick genommen habe. Kein vollständiges, aber sicher ein einnehmendes Bild, mit dem sich im Zweifelsfall auch gegen Psychoanalytiker weitermachen lässt.

          HELMUT MAYER

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